Zum Inhaltsverzeichnis: /Alte Heimat
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| 0. Ein Vorgeschmack | - | Das "Präludium" meines zukünftigen Arbeitslebens, die Arbeit auf dem Lande |
| 1. Der erste Kontakt | - | Wie man in die normale Arbeitswelt schliddert |
| 2. Verantwortung | - | Jung, trotzdem schon ziemlich erwachsene Pflichten |
| 3. Schwierige Monate | - | Eine Feuertaufe in vieler Hinsicht (Lugknitz, Gleiwitz) |
| 4. Ein Walzwerk | - | Von der Theorie zur Praxis |
| 5. Im Institut | - | Mein pseudowissenschaftlicher Karriereabschnitt |
| 6. Im Schlesischen Polytechnikum | - | Die endgültige Profilierung meines Berufslebens |
| 7. (Zu) Hohe Aspiration | - | Wie man in der VRP nicht Direktor wurde; der Sonderstatus |
| 8. Eine besondere Anstellung | - | Der Ausklang meiner "Karriere" in Polen |
| Auslandsaufenthalte | - | Einige Geschichten; Charakteristisches und Erzählenswertes aus den Zeiten der Volksrepublik |
Hier möchte ich noch etwas über meine ersten
Erfahrungen mit der "Arbeitswelt" erzählen - denn von 1946
bis 1948 verbrachte ich zu verschiedenen Zeitpunkten einige gute
Monate in der Landwirtschaft, konkreter bei entfernten Verwandten im
Landkreis, welche verhältnismäßig leichter ein weiteres Maul
füttern konnten und dafür die Gegenleistung in Form einer 13 -
15-jährigen Arbeitskraft bekamen.
Denn 1946 kamen Oma
(welche zu jener Zeit noch bei uns in Gleiwitz wohnte) und meine
Eltern zur Überzeugung, daß es nicht nur für mich gut wäre, wenn
ich im Frühsommer aufs Dorf käme. Ich könnte mich da nützlich
machen, besser essen und den Rest der Familie entlasten. Mit der
Entlastung hat es wohl geklappt, schlechter mit dem besseren Essen
für mich.
Nun ich möchte hier nicht kleinlich sein und darüber
klagen. Lernte ich doch dafür einiges über "Ackerbau und
Viehzucht", erweiterte auch meine Horizonte in Sachen
Menschenkenntnis und Lebensverhältnisse in dörflicher Umgebung. Das
alles anfangs bei der entfernteren Verwandtschaft der Cousine meiner
Mutter in Solmsdorf/Slupsko.
Es war ein kleineres Anwesen
aber mit allen Merkmalen eines richtigen Bauernhofes. Die Stallungen
waren unter einem Dach mit dem Wohnhaus: Aus der Küche kam man über
einen kleinen Abstellraum direkt in den Stall. Dort standen die zwei
Kühe und die Mähre - ein paar Schweine waren in einem Verschlag
untergebracht und die Hühner fanden da auch ihre Schlafstangen. Den Hof
begrenzte im hinteren Teil die Scheune, hinter welcher noch ein
Göpel, auch Tretmühle genannt, seinen Platz gefunden hat. Er diente
zu meiner Zeit nur noch untergeordneten Zwecken, eine richtige
Dreschmaschine konnte man mit ihm nimmer antreiben. Das wenige
Getreide wurde mit einer ausgeliehenen Dreschmaschine mit Dieselmotor
gedroschen, aber das erst in den späten Herbst- oder Wintertagen.
Der Dieselmotor stand dann im Garten, fern der Scheune, und übertrug
seine Kraft über einem langen Transmissionsriemen. Vor dem mußte
man sich hüten und ich bekam einige Gruselgeschichten über damit
verursachte Unfälle zu hören.
Das Dreschen war für mich
eigentlich nur ein kurzes Erlebnis - denn meine Hauptaufgabe während
der Sommer- und Herbstmonate war das Hüten der zwei, manchmal drei
Kühe. Heute scheint es verwunderlich: Kühe hüten. Man läßt sie
auf die Weide und fertig ist die Angelegenheit. Doch damals hatten
nur sehr reiche Bauern einen umzäunten Weideplatz, die anderen
suchten das Grünfutter auf verschiedenen Brachen oder Feldrainen. So
war es auch meine Aufgabe die Kühe dahin zu führen und besonders
auf den Rainen aufzupassen, daß die Kühe nicht nach dem Grün auf
den danebenliegenden Feldern griffen. Das war streng verboten:
manchmal wegen der Gesundheit der Kühe (es drohten Blähungen, wurde
mir eingetrichtert) aber hauptsächlich wegen der Ertragsminderung
der Felder. Also mußte ich sie immer schön kurz halten und mein
Freiraum war sehr begrenzt. Deswegen sehnte ich immer das Ende der
jeweiligen Hütung an: vormittags wenn man die Glocken vom
Nachbardorf hörte oder andere Bauern heim zogen und nachmittags,
wenn die Sonne entsprechend tief stand.
Die Langeweile wurde im
Sommer manchmal durch einen interessanten Genossen unterbrochen,
welcher so wie ich auch zeitweilig in der "Sommerfrische"
war und die Kühe seines Onkels hütete. Wenn es sich irgendwie
vereinbaren ließ, suchten wir die gleichen Weideplätze auf und
konnten uns dann unterhalten. Er war einige Jahre älter und der Sohn
eines Försters aus dem Ratiborer Kreis. Wie sprachen von seinen und
nicht nur seinen Erlebnissen im Wald. Ich war ein aufmerksamer
Zuhörer und kam erst viel später zur Überzeugung, daß er mir da
des öfters auch einen Bären aufgebunden hat. Jedenfalls war ich
ganz Ohr, als er von Tieren, Vögeln, der Arbeit seines Vaters im
Wald, von Schießgewehren und dem Zusammentreffen mit Wilderern(!)
erzählte. Wahrscheinlich war auch er ein guter Zuhörer der Älteren
um ihn herum gewesen. - Dafür kannte er viele Tiere
und wurde mein erster Lehrer in der praktischen Zoologie des Waldes
und der Felder. Damals keimte in mir der Wunsch nach einem
Försterdasein auf, den ich später aber nicht realisieren konnte. Im
Nachhinein: Es wäre für mich, obwohl Tierliebhaber, wahrscheinlich
auch der falsche Beruf gewesen.
Daß Kühe, trotz ihrer
Gutmütigkeit, doch ein ziemliches Gewaltmonopol im Verhältnis zu
einem 13-jährigen Burschen besitzen, mußte ich nicht einmal
erfahren. Der mitgeführte Stock half mir gewöhnlich in solchen
Situationen. Trotzdem mußte ich auch die Erfahrung machen, daß eine
Kuh eine deutlich größere Masse besitzt ...wenn sie mir ungewollt
auf den Fuß getreten ist. Oder einmal, als ich auf dem schmalen
Nachhauseweg dicht neben der Kuh ging und diese auf den Gedanken kam,
sich mit einer schnellen Kopfbewegung nach hinten von lästigen
Fliegen zu befreien. Aber da ich auf dem Weg des Kopfes war, bekam
ich so einen Schlag mit dem (zum Glück stumpfen) Horn und dem
restlichen Kopf gegen meine Brust, daß ich in den Graben rutsche und
einige Zeit nach Atem ringen mußte. Zum Glück blieb es ohne Folgen
für mich und verdarb auch mein gutes Verhältnis zu den Kühen
nicht. Dieses nützte ich in den naßkalten Tagen manchmal aus um mir
etwas Wärme und dem (wohl ewig leeren) Magen etwas Gutes zu
bescheren: Ich hockte mich unter die Kuh und molk mir das Glas Milch
direkt in den Mund.
Müßig zu sagen, daß ich in diesem Hof
auch andere Pflichten hatte. Es gab immer etwas zum Fegen, Tragen,
Säubern... Die ganz schweren Arbeiten, das Ausmisten und der
Misttransport blieben mir aber gewöhnlich erspart. Trotzdem war ich
immer in Bewegung und entsprechend hungrig. Die Mahlzeiten bildeten
eine gewünschte Unterbrechung, obwohl...
Wegen der vielen
Fliegen in der Küche aß ich da nur ungern und verzog mich mit
meiner Portion gewöhnlich ins Freie. Dort konnte ich unter Umständen
auch die Hühner füttern, wenn mir irgendwelche Zutaten des
Essens absolut nicht zusagten. Meistens gab es zum Mittag einen
dicken Eintopf in dem man alles finden konnte. Nicht immer
schmackhaft für ein "verwöhntes" obwohl immer hungriges
Stadtkind. So saß ich mal wieder über meinem Napf und rührte in
der Suppe, als mich ein Bestandteil intrigierte: etwas ovales,
halbdurchsichtiges. Ich nahm es auf den Löffel und stellte fest, daß
es ein Flügel mit einem kleinen Rest der Fliege war. Gut, daß ich
noch nichts gegessen hatte, denn sonst wäre es mir hochgekommen. Ich
schaute nur vorsichtig um mich herum, ob ich nicht beobachtet werde
und trug meine Mahlzeit zu den Schweinen und kippte sie in deren
Trog. Sie wurde dankbar angenommen - aber mir knurrte noch längere
Zeit der Magen.
Womöglich war ich nicht der einzige in dieser
Eßgemeinschaft, dem die Kochkünste oder Kochmöglichkeiten der
Hausfrau nicht ganz zusagten. Da war noch ein zwei- bis dreijähriges
Kind, welches bei jeder Gelegenheit unter dem Küchentisch hockte, um
dort den Kalkputz von der Wand zu konsumieren. Richtig kahle Stellen
gab es da schon. Nur, das hatte wohl in Wirklichkeit nichts mit dem
Mittagessen zu tun.
Auf diesem Hof gab es noch zwei (aus
heutiger Sicht) Raritäten. Das Wasser kam aus einer richtigen
gußeisernen Pumpe mit einem riesigen Schlengel, welche auf dem
ummauerten Brunnen stand. Und daneben war der Backofen: ein kleines
Häuschen mit Schornstein, dessen Hauptteil der eigentliche Backofen
bildete. Auf Brusthöhe gab es eine eiserne Tür, deutlich größer
als im Kohlenherd in der Küche und dahinter ein niedriges,
gemauertes Gewölbe mit der Schornsteinöffnung. Es erinnerte mich an
die Zeichnungen zu Grimms Märchen.
Brotbacken bedeutete also
nicht nur Zubereitung des Teiges und das Formen der Laibe, nein, man
mußte auch einige Stunden früher im Gewölbe des Ofens ein
Holzfeuer entfachen und es über Stunden immer wieder versorgen, bis
das ganze Gemäuer die richtige Temperatur hatte. Dann wurde
gebacken! Mit einer eisernen Hacke wurde die Glut aus dem Ofen
entfernt und die gröbsten Aschenreste mit einem angefeuchteten
Strohbesen ausgefegt. Dann kamen, so wie beim richtigen Bäcker die
geformten und gewachsenen Laibe über einen Holzschieber in den Ofen.
Die Tür und der Schieber im Schornstein wurden geschlossen. Wenn die
Temperatur des Ofens am Anfang richtig war, konnte man die gut
gebackenen Brote nach ein paar Stunden entnehmen. Und dann die ganze
Woche Brot essen...
Mein Schlafzimmer war der Boden, das
Obergeschoß des Hauses. Da stand ein altes, richtiges Holzbett mit
einem Strohsack, Bettlaken und Kopfkissen. Das wichtigste, die
Zudecke (heute sagt man Oberbett) war ein richtiges Monstrum. Wohl um
zu beweisen, daß es auf einem Bauernhof an Federn nicht fehlt, hatte
man da so viel (geschlissene) Federn reingestopft, daß es steif wie
ein Brett auf einem lag, schwer und unflexibel. Die kalte Luft kam an
den Seiten rein.
Das Bett war mein Heim, so hatte ich auch alle
Habseligkeiten da und einige Zeit auch einen wunderschönen Apfel.
Irgendwo bekommen oder gar geklaut? Jedenfalls wollte ich ihn bei dem
nächsten Heimgang meiner Mutter bringen und ich habe es geschafft.
Jeden Tag angeschaut und dann die 20 Kilometer getragen. Mutter hat
sich gefreut, wohl meinen guten Vorsatz richtig erkannt und den Apfel
mit mir geteilt.
In jener Zeit gab es noch andere, ähnliche
(Arbeits-)Episoden an anderen Stellen. Die dauerten gewöhnlich
kürzer, manchmal nur ein paar Tage, aber waren anstrengender. Denn
dann ging es um konkrete Erntehilfe. So in Grünwiese/Niewiesie. Da
wohnte ein weiterer Verwandter meiner Mutter und der hatte einen
richtigen Bauernhof, Mit Pferden, mehreren Kühen, größeren Feldern
und sogar eigenen Maschinen. So wurde das Getreide mit einem dafür
vorbereiteten Grasmäher geschnitten. Das ging flott und deswegen
waren viele Hände nötig um die abgeworfenen Halmhäufchen zu Garben
zu binden und diese wiederum, 7 an der Zahl zu Hügeln, in denen sie
weiter trocknen, aufzustellen. Das Binden der Garben mit einem aus
Halmen gedrehten Strick war die schlimmste Arbeit, vor allem wenn das
Getreide mit Disteln durchwachsen war. Aber auch das Aufstellen
verlangte einige Fertigkeiten, damit die Hügel beim ersten Windstoß
nicht durcheinander gewirbelt wurden. Gewöhnlich war es bei dieser
Arbeit heiß, sie dauerte von früh bis abends und die Hände und
Unterarme waren bis auf das Blut gereizt. Ich schlief dann in den
primitivsten Verhältnissen wie ein Stein und war froh, wenn ich mich
nach paar Tagen auf den Weg nach Hause machen konnte.
Noch
eine kleine Episode möchte ich hier anführen, sie ereignete sich
bei meinem Großonkel in Stillenort/Ciochowice. Dort half ich dem
Onkel beim Pflügen. Das Feld war nicht groß, deswegen konnte die
Arbeit mit einem Pferd und dem einscharigen Pflug in einem Tag
geschafft werden. Da das Pferd nicht besonders folgsam war und der
doch ältere Onkel mit dem Pflug genügend Arbeit hatte, war ein
Helfer, welcher das Pferd schön in der Furche führte, erwünscht -
wenn nicht notwendig. Nun ich machte das, und fühlte mich nach der
Arbeit schon wie ein Pferdekenner. Deswegen hatte Onkel nichts
dagegen, als ich mich auf des Pferdes Rücken nach Hause begeben
wollte. Er half mir noch hinauf, dann klaubte ich das Zaumzeug
zusammen und los ging es. Im Schritt, etwas links und wieder
geradeaus. Nun, jetzt sollte es etwas schneller werden. Das Pferd
wurde wirklich schneller, aber ehe ich das richtig auskosten konnte,
blieb es plötzlich stehen, aber ohne mir. Ich war noch in der
schnellen Bewegung nach vorn, nur jetzt schon über den Pferdekopf
hinweg und blieb etwas unsanft auf der Erde liegen. Der rechte
Unterarm schmerzte und über dem Handgelenk gab es eine harte Beule.
Man tat mit mir das einzig Richtige: Ich wurde am nächsten
Morgen nach Gleiwitz geschickt (natürlich zu Fuß), wo mich Mutter
sofort zu den Hedwigschwestern brachte. Die fügten mir etwas
Schmerzen zu als sie die angebrochene Speiche richteten und mir einen
Verband samt Schiene anlegten. Die Beule war danach kleiner geworden
und verschwand mit der Zeit fast total. Nach zwei Wochen lief ich
schon ohne Verband herum und vergaß diese unrühmliche Episode fast
ganz.
Erinnert 2007
Mit 16 Jahren hatte ich also schon meine 2. Arbeitsstelle. Die "Vereinigten Werke für technische Gase"
- ein polenweiter Zusammenschluß aller Betriebe, die etwas mit der
Herstellung von technischen Gasen, so z.B. Azetylen, Kohlensäure,
Sauerstoff u.ä. zu tun hatten. Wieder ein Bürokomplex in dem vor
allem übergeordnet verwaltet wurde. Damit die drei Direktoren dies
auch gut machen konnten, hatte jeder seinen Dienstwagen, mit Fahrer
natürlich - nichts alltägliches in jenen Zeiten. Auch der
Personalchef hatte einen, wenn auch nur einen Skoda Tudor; während
für die anderen drei Opel zur Verfügung standen: Ein Admiral, ein
Kapitän und ein Kadett. Diese Flotte (immerhin schon einige gute
Jahre alt) wollte auch gewartet werden, deswegen war der Garage eine
Werkstatt angeschlossen, die für mich eine magische Anziehungskraft
besaß. Viele Nachmittage, auch Wochenenden - wenn in der Werkstatt
eine zusätzliche Arbeit an den Wagen fällig war - war auch ich dort
ein ständiger Gast.
Aber nicht das wollte ich eigentlich
erzählen. Eingestellt als Laufbursche, hatte ich schon in dieser
Stellung meine ersten neuen Lebenserfahrungen. Die welche mit meiner
Arbeit und den Kontakten nach außen zusammenhingen und privatere -
doch von denen etwas weiter.
Zu meinem Aufgabenbereich gehörten
nicht nur interne Botengänge. Nein, was deutlich anspruchsvoller war
auch die Zustellung von Post an verschiedene Adressaten in Gleiwitz
und fast noch wichtiger: Ich wurde das (bevollmächtigte) Bindeglied
zwischen meinem Arbeitgeber, der Industrievereinigung und der Post.
Das hieß, daß ich jeden Morgen die Post aus dem Postfach in der
Hauptpost abholte und dort auch eingeschriebene Briefe quittierte!
Das durfte neben mir nur der Chef der Kanzlei, mein Gönner wie es
sich später noch herausstellen sollte.
Doch zwischenzeitlich
einige Sätze zu meinen privaten Erfahrungen: Meine täglichen
Besuche der Post waren der Grund für eine neue Erfahrung. Fand ich
doch eines Morgens überraschenderweise in der Post welche ich dem
Fach meines Arbeitgebers entnahm, einen an mich gerichteten Brief!
Ich beäugte in argwöhnisch, aber er war eindeutig an mich
gerichtet! Der Absender nur ein Kürzel und ein Postfach. Da die Zeit
drängte, steckte ich ihn in die Tasche und beeilte mich in den
Betrieb zu kommen. Hier kam ich in einem freien Augenblick dazu mich
mit dem Inhalt vertraut zu machen. Und was erfahre ich? Mir wurde in
diesem Brief "der Hof gemacht". Mit einfachen Worten,
trotzdem unmißverständlich erzählte der Brief Einzelheiten über
meine Tätigkeiten, von Sympathie und Freundschaft zwischen zwei
Menschen war die Rede - aber alles unverbindlich und geheimnisvoll.
So kam auch mir die Sache vor und ich stöberte in meinem Gedächtnis
nach allen weiblichen Personen, welche ich kannte und die jemals die
Kanzlei betreten hatten. Denn hier mußte man mich gesehen haben!
Ergebnislos. Also schwang ich mich zu einer Antwort auf und bat um
die Lüftung des Geheimnisses. Ein paar Tage später hatte ich wieder
so einen Brief in der Hand - und darin war ein Photo! Natürlich
schwarz-weiß, natürlich nicht besonders scharf und die Person auch
nicht besonders deutlich aufgenommen. Nun, dachte ich, eine
durchschnittliche Schönheit. Dann widmete ich mich dem Brief, wurde
beim Lesen zunehmend mißtrauischer bis ich die Gewißheit erlangte,
daß der Brief von einem um 3 Jahre älteren Jungen war! Ein Schock!
Nicht nur wegen der Konfrontation mit der für mich fast
unglaubhaften Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen,
sondern auch wegen der sich plötzlich in Luft auflösenden,
erwarteten Bekanntschaft mit einem mich adorierenden (jungen)
Mädchen. Ich machte der Sache ein schnelles Ende: Zwei Zeilen über
einen Irrtum und daß ich ein Mädchen vermutet habe. Photo und Brief
in einen Umschlag, Marke drauf und in den Kasten. - Das Ende einer
sich anfangs so romantisch-interessant darstellenden Freundschaft.
Wie ich schon sagte, sollte mir mein Gönner vieles in diesem
Betrieb erleichtern. Fürs erste meinte er, daß ich bei meinen
Botengängen doch unmöglich alle Strecken in der Stadt zu Fuß
zurücklegen könnte. Deswegen holte er das eine oder andere Mal sein
Motorrad hervor und kutschierte mich auf den weiteren Strecken: Der
Chef den Laufburschen! Für mich immer ein Vergnügen, für ihn
wahrscheinlich eine anstrebbare Abwechslung im Büroalltag. - Ja, so
war es damals, 1949. Motorräder waren noch sehr selten zu sehen. Er
- mein Chef, Herr Slowik, hatte seines als ehemaliger Angehöriger der
polnischen Armee im Westen, während oder nach dem Krieg organisiert.
Es war ein BMW-Krad, an dem natürlich hin und wieder etwas zu
reparieren war. Dann war ich auch schon mal mit von der Partie.
Natürlich konnte er mich nicht täglich fahren und so erledigte
er den Kauf eines Fahrrades. Wie und von wo weiß ich bis heute
nicht. Jedenfalls gab es die noch nicht im normalen Handel. Nun, und
ich war überglücklich und stolz: ein nagelneues Rad nur für mich!
Und H. Slowik erledigte mir sogar die Erlaubnis dieses Fahrrad nach
Hause nehmen zu dürfen! Übers Wochenende auch! Ich fühlte mich wie
ein König. Das Rad wurde mein zweites "Ich". Ich verwuchs mit ihm und
beherrschte es bald entsprechend gut. Es war mein Ehrgeiz, der mich
veranlaßte durch die halbe Stadt zu fahren ohne den Lenker zu
berühren, alle Kreuzungen und Richtungswechsel zu meistern um von
Punkt A nach Punkt B zu kommen.
Doch dann, nach vielleicht zwei
Monaten kam das traumatische Erlebnis für mich. Ich war in der
Stadtverwaltung und hatte mein Rad, natürlich mit einer Kette
gesichert, im Hauseingang abgestellt. Dann lief ich die eine Treppe
hoch um den Brief abzugeben und als ich nach einer Minute zurückkam,
war das Rad weg! Die Kette auch. Ich lief auf die Straße, in den Hof
- keine Spur. Ich war gelähmt. Der erste auf der Straße
angetroffene Polizist verwies mich auf die Wache, wo man mich etwas
beruhigte. Ein Protokoll wurde geschrieben, ein Durchschlag für
meinen Arbeitgeber. Dort zuckte man nur mit den Schultern und ich
war wieder beim Fußvolk.
Aber nicht lange, denn mein Chef
hatte einen neuen Aufgabenbereich für mich: er fand, daß ich in der
Kanzlei bessere Dienste leisten könnte. Ich wurde der
Verantwortliche für die ein- und ausgehende Post, Eintragungen,
Briefmarken und alles andere rundherum. Es gab auch mehr Geld (jetzt
schon 12.000 zl monatlich) - aber was noch wichtiger war: in dieser
Position war ich nicht mehr Arbeiter, sondern Angestellter mit einem
Monat Jahresurlaub. Denn vorher waren es nur 14 Tage.
Aber
wahrscheinlich waren auch bei dieser Tätigkeit meine Fähigkeiten
noch nicht voll ausgeschöpft denn man vertraute mir die Leitung des
Büromaterialienlagers an. Bestellen, verwalten und verteilen von
Papier, Bleistiften, Tinte, Kohlepapier, Papier für die
Vervielfältigungsmaschine, Matrizen, Aufkleber, Aktenordner,
Radiergummis und all den Dingen die für die ordnungsgemäße
Funktion dieses Betriebes notwendig waren, gehörte von nun an zu
meinem Aufgabenbereich. Das war mit dem Besitz eines eigenen Zimmers
und dem "entsprechenden" Ansehen verbunden.
Doch es
gab noch eine weitere Steigerung meiner Bürokarriere im zarten Alter
von knapp 17 Jahren. Im Betrieb, der in seiner Entstehungsphase wohl
etwas zu großzügig mit Aufgaben, hier z.B. Materialversorgung der
untergeordneten Betriebe, betraut wurde, gab es noch ein Lager mit
technischem Material. Bunt zusammengewürfelt bei seiner Erstellung
kurz nach dem Krieg mit den damaligen Versorgungsschwierigkeiten, bot
es zu meiner Zeit eine Ansammlung von mehr oder weniger brauchbaren
Materialien, Werkzeugen und Geräten. Neben Fensterglas, Nägeln und
Kitt gab es Schrauben, Chemikalien, Profileisen, Packpapier, alte
handbetriebene Staubsauger(!), Putzmaterial, Kugellager, Autoteile
und vieles andere mehr. Meine Vorgesetzten kamen zu der Überzeugung,
daß gerade ich der richtige Lagerverwalter wäre und ich fühlte
mich wiedermal geehrt. Wenn da nicht meine Minderjährigkeit gewesen
wäre...
Aber auch diese Hürde wurde überwunden. Man ließ
meinen Vater kommen und der unterschrieb prompt eine entsprechende
Haftungserklärung. Trotzdem der Inventurwert des Lagers hoch war: es
waren Millionen. Vater hatte also doch auch Vertrauen zu mir.
Nun,
ich habe ihn nicht enttäuscht. Weder mit dem einen, noch dem anderen
Lager gab es bis zum Ende meiner Tätigkeit bei der
Industrievereinigung Probleme. Und das Ende kam ziemlich unerwartet,
zerschnitt meinen gerade geknüpften Schulkontakt, fast mein
Privatleben und brachte mich binnen eines Monates nach Breslau.
Dort, in einem Betrieb der Industrievereinigung, wurde ein
technischer Referent erwartet....
Also hatte ich im Frühjahr
1951 schon meine dritte Arbeitsstelle.
"Mein" Betrieb
war eine Produktionsstätte. Kohlensäure und Azetylen wurden hier
hergestellt, Sauerstoff nur abgefüllt. Auf mich kam einiges zu. Ich
wurde als rechte Hand des Betriebsleiters mit allen
technisch-bürokratischen Aufgaben betraut. Fast von heute auf
morgen. Für mich war zwar alles hochinteressant; doch die Technik
verdrängte mein Interesse an den Büroabläufen. Ich schaute und
fragte, ich saugte mich voll mit all dem Wissen um technische Gase,
dessen ich dort habhaft werden konnte.
In diesem Betrieb fand ich
einen Produktionsprozeß, der mich faszinierte. Damals war es für
mich so etwas wie ein Perpetuum Mobile - strikt technisch gesehen
natürlich nicht zutreffend aber in der vollen Nutzung des
Rohstoffes, schon einzigartig. Beim Verbrennen von Koks entsteht
Wärme und Kohlendioxyd. Und hier wurde beides ausgenützt! Die Wärme
erst zur Dampferzeugung für die Dampfmaschine - die Quelle aller
mechanischen Energie des Betriebes - dann die Restwärme für den
weiteren Produktionsablauf. Und aus den Verbrennungsgasen wurde der
Hauptanteil, nämlich Kohlendioxyd, herausgefiltert und als
eigentliches Produkt des Betriebes verflüssigt und in die bekannten
Stahlflaschen abgefüllt. Als Ausgangsprodukt für Limonade und
Selter - oder zum Befüllen von Feuerlöschern.
Der Leiter dieses
Betriebes war ein Praktiker. Zu deutschen Zeiten, vor 1945, war er
als Pole in diesem Betrieb beschäftigt gewesen. Sein Können und
Wissen hatte er wohl außerhalb jeder technischen Universität
erlangt - aber es war für diesen Betrieb maßgeschneidert. Er konnte
mir alles erklären, trotzdem es mit der Theorie etwas zu hapern
schien. Jedenfalls war seine Antwort auf meine, im Zusammenhang mit
der Ausfüllung eines Formulars, gestellte Frage nach dem Begriff :
'cos fi' ziemlich direkt: "Schreib einfach 0,8 - dann stimmt es
schon". Also habe ich damals, an jener Stelle, mein Wissen um
die Elektrizität nicht ausbauen können. Es blieb bei Spannung,
Leistung und Verbrauch, also den Größen die man aus "Experimenten"
zu Haus und den Belehrungen des älteren Bruders seinerzeit schon
irgendwie im Kopf hatte.
Mein Leben dort war also sehr lehr-
abwechslungsreich, denn die Wochenenden: Samstagnachmittag bis
Sonntagnacht waren voll privat. Vier Stunden dauerte die Fahrt für
11,20 zl nach Gleiwitz und vier Stunden für wieder 11,20 zl zurück.
Den ersten Betrag konnte ich meistens noch zusammenbringen, der
zweite wurde mir gewöhnlich von lieben Menschen zu Hause oder fast
zu Hause gestiftet. Denn das Monatsgehalt von unter 500 zl war für
einen alleinstehenden Menschen in einer fremden Stadt nicht viel.
Doch nicht davon wollte ich hier schreiben.
Ich war also zwei
oder drei Monate im Betrieb, wußte vieles über die Herstellungs-
und Abfüllungsprozesse der Gase, hatte Gasflaschen von innen und
außen gesehen, hatte bei Druckprüfungen mitgemacht und kannte
prinzipielle Eigenschaften einiger Gase. Dieses Wissen wahrscheinlich
und die gute Meinung meines Vorgesetzten haben mich über Nacht zum
Experten gemacht!
Eine landesweite Aktion sollte die vielerorts
angesiedelten Schrottsammelbetriebe von den dort nach dem Krieg (wir
schreiben 1951) angehäuften Druckbehältern befreien. Druckbehälter
= Gasflaschen, betrifft also die Branche technische Gase und deren
Sachverständige. Die Industrievereinigung hat es sich einfach
gemacht und die Aufgaben an ihre Betriebe weitergereicht. Und im
Betrieb Breslau war ich der Sachverständige.
Ich fand mich also
eines Tages im Zuge wieder. In der Tasche die
Dienstreisebescheinigung für eine Woche, eine Vollmacht, einige
Notizen, einen Vorschuß von einigen Hundert Zloty, Kreide und eine
Drahtbürste. Im Kopf mein ganzes Wissen um verschiedene Gasbehälter,
von Druckluft über Sauerstoff, Stickstoff, Azetylen, Wasserstoff
bishin zu undefinierten, gewöhnlich militärischen Ursprungs. In
meinem Reiseplan hatte ich zehn oder zwölf Betriebe in eben so
vielen kleinen Orten Niederschlesiens, alles nordwestlich von
Breslau. Ich hatte eine Route geplant und die größte Schwierigkeit
waren die Reisen zwischen diesen Betrieben. Fast die einzige
Möglichkeit blieb die Bahn, nur manchmal hatte ich Glück und konnte
nahegelegene Orte als Anhalter überbrücken. Was aber wegen der
spärlichen Frequenz von P- oder LKWs eher problematisch war. Dann
für die Nacht irgendeine Herberge, Privatquartier oder sogar ein
Hotel.
Dazwischen meine eigentliche Arbeit. Bei jeder Ankunft
erst ungläubige Blicke der Verantwortlichen, doch etwas später lief
alles schon glatt. Mir wurden die Lagerstellen der fraglichen
Behälter gezeigt und ich begutachtete die einzelnen Stücke. Gasart,
Zustand des Ventils, Allgemeinzustand waren für normale Behälter
die Hauptkriterien. Den allergrößten Teil konnte ich so ihrem
zukünftigen Bestimmungsort zuordnen, bei manchen half dann noch die
Drahtbürste. Ich beschriftete sie mit Kreide und sie waren für den
Transport vorbereitet. Eindeutig leere Behälter gingen direkt in die
Hütte, andere in unsere Betriebe, alle nichtzivilen dafür in ein
Zentraldepot des Militärs. Ein kurzes Protokoll über die Anzahl und
Empfänger der Behälter, ein Stempel in meine
Dienstreisebescheinigung und nach einer kurzen Auskunft über mein
nächstes Ziel hatte ich eine Aufgabe weniger. Und gute Organisation
bedeutete auch damals etwas: Ich hatte mein Wochenende schon am
Freitag!
Ja und diese selbständige Dienstreise machte mich
nicht nur stolz, sondern sie führte mir auch die Notwendigkeit einer
weiteren Bildung vor Augen. Doch diesmal war es schon die Vision
einer technischen Ausbildung. ....Aber das sollte mir nicht leicht
gemacht werden.
Das größte Hindernis auf dem
Weg zu höheren wissenschaftlichen Weihen war bei mir die fehlende
materielle Grundlage. Die wirklich minimalen Verdienste meines Vaters
bei den polnischen Staatsbahnen zusammen mit den ersten Verdiensten
meines Bruders reichten kaum für den Unterhalt der Familie, mit Oma
immerhin 7 Personen. Also blieb ich auf mich gestellt und erkannte
richtig: Mein Weg zum Studium mußte vom Staat finanziert werden und
dafür gab es keine Alternative als den Bergbau. Der in Polen
mächtigste Industriezweig konnte es sich erlauben ein eigenes
Schulsystem zu finanzieren in dem es auch Formen mit vollem Unterhalt
der Zöglinge gab. Diesen Weg hatte ich beschritten (ich erinnere an
anderer Stelle daran) und war zur Jahreswende 51/52 für eine neue
Aufgabe bereit: die eines qualifizierten
Untertagearbeiters.
Lugknitz
Während meiner Schulzeit hatte ich schon die ersten
Untertageerfahrungen sammeln können. In drei oder vier
Steinkohlegruben mit Flözen unterschiedlicher Mächtigkeit, von 1,5
m bis um die 30 m bei dem in mehreren Schichten abgebauten Reden
(Name des Flözes, nach dem Grafen von Reden, einem der
Bergbaupioniere in Oberschlesien).
Also war ich eher neugierig,
als man mich zur Arbeit in eine Braunkohlengrube (Babina hieß sie)
nach Lugknitz (Leknica) in Niederschlesien schickte. Dort gab es einen mit
primitiven Mitteln betriebenen Tagebau und meine Bestimmung: einen
durch einen Schrägstollen erschlossenen Untertagebau, ungefähr 60 m
unter der Erdoberfläche. Und in diesem ging es wohl noch primitiver
zu als Übertage.
Mein Arbeitsplatz war ab sofort eine Strecke,
die durch das dicke Braunkohlenflöz rechtwinklig zur Hauptstrecke
getrieben wurde. Zwei Meter hoch, 1,6 m breit, ging es ungefähr 50 m
voran. Nur wie? Das war das hiesige Problem. Denn hier wurde nicht
geschossen (gesprengt) sondern der Vortrieb beruhte auf Handarbeit.
Des Hauers, meines Vorgesetzten. Mit der Keilhaue und großem
körperlichen Aufwand löste er kleine oder sehr kleine Brocken aus
dem Flöz, fast acht Stunden täglich. Es war eine wirklich
schweißtreibende Arbeit, denn die "Kohle" war des öfteren
noch nicht mineralisiert, sondern hatte noch deutliche
Holzeigenschaften. Die Keilhaue blieb dann stecken und es bedurfte
großer Anstrengung, sie wieder zu befreien. Damit war auch der
Arbeitsrhythmus hin und es gab weniger Streckenvortrieb bei größerem
Kraftaufwand.
Meine Aufgaben waren da schon deutlich moderater.
Ich schaufelte die Kohle in den Hunt, einen kleine Kastenwagen aus
Holz, um ihn dann von Zeit zu Zeit die 50 - 100 m auf Schienen zum
Bunker zu bringen. Dort wurde eine Seitenwand geöffnet und er leerte
sich praktisch von selbst. Dann mußte ich das Holz für den
Streckenbau heranschaffen und da es gewöhnlich nicht allzu dicke
Stempel waren - die kürzere Kappe sowieso - war auch dies kein
Problem. Mit dem Hauer wurden dann die Stempel und die Kappe
zugeschnitten, die richtige Verzahnung angebracht und aufgestellt.
Einige Bretter im First der Strecke vervollständigten dann den
Ausbau, der uns die minimale Sicherheit schaffen sollte. Denn die
Arbeitsverhältnisse, die Beschaffung der über dem Flöz liegenden
Schichten waren kaum für einen Untertageabbau geschaffen. Davon
durfte ich mich selbst überzeugen.
Der eigentliche Abbau der
Braunkohle geschah in Pfeilern, die sich um eine vorher getriebene
Strecke, aber in entgegengesetzter Richtung, also zur
Hauptstrecke zurück, hinbewegten. Der Bau, auch direkt Pfeiler
genannt, war bis 3 m hoch und ungefähr 4 m breit. Um möglichst viel
Kohle, auch von den Seiten des Pfeilers gewinnen zu können, wurde
der First mit Kappen, Brettern und Stempeln abgestützt. Aber das war
eine eher kosmetische Maßnahme, denn nachdem der Pfeiler eine Länge
von einigen Metern erreicht hatte, wurde es schon gefährlich.
Während zwei oder drei Schlepper die Kohle in den Hunt schaufelten,
stand der verantwortliche Hauer mit einer Reflektorlampe etwas im
Abseits und beobachtete den First um so einen noch nicht gewollten
Einsturz rechtzeitig zu bemerken. Denn bei einer bestimmten Länge
des Baues, wurde der Einsturz provoziert und damit der First im
direkten Arbeitsbereich des Pfeilers entlastet. Das war die Theorie,
in der Praxis kam es auch schon mal anders.
So bei meinem
Gastauftritt im Pfeiler. Der Steiger hatte mir diese Arbeit
zugewiesen, weil in "unserer" Strecke Gleisarbeiten
notwendig waren. Ich schaufelte mit drei anderen Mannen die Kohle -
denn schnell mußte es gehen, damit die vierzig oder fünfzig Hunts
während der Schicht voll wurden - als der Hauer plötzlich rief:
"raus, raus" und meine Mannen lossprangen, die paar
Schritte in Richtung Strecke. Nun auch ich hatte einen guten
Selbsterhaltungstrieb, doch ich schnappte noch meine Lampe und war
gleichzeitig mit den anderen in der Strecke. Aus dem Augenwinkel sah
ich noch im Schein der hinten hängengebliebenen Lampen die sich
krümmenden (fallenden?) Stempel, dann krachte es unheimlich
und ein Wind-, Staub- und Dreckstoß ließ mich fast zu Boden
stürzen. Oder waren es nur meine eigenen Beine?
Jedenfalls kamen
wir einige Meter weiter zum stehen, es gab aufgeregte Stimmen, auch
Schuldzuweisungen und dann einige Festlegungen für den Steiger. Denn
eine gute Laune konnte man bei dem nicht erwarten: Vorbeigeschrammt
an einem Unfall mit Menschen, Verlust von Material (der Hunt und die
Werkzeuge blieben begraben) und der Produktionsausfall - das
Wichtigste wohl. Für mich eine Lehrstunde im Bergbau.
Der
Alltag in Lugknitz bestand natürlich nicht nur aus Arbeit. Auch die
restlichen Lebensumstände: die Wohnung, das Essen, das Klima, die
fehlenden Kontakte und die Freizeit prägten das Wohlbefinden. Schon
diese Aufzählung suggeriert eine eher mäßige Emotion rund um meine
jetzige Anstellung. So war es auch in Wirklichkeit.
Das Essen,
das in einer "Kantine" für die jungen Menschen gekocht
wurde, war unterdurchschnittlich. Man versuchte dem Abhilfe zu
schaffen indem man hin und wieder einen kleinen Laden besuchte und
sich einen Schmelzkäse oder eine ähnliche Delikatesse kaufte.
Manchmal sogar ein Bier. Die Einkäufe mußten schon deswegen
spärlich bleiben, weil der Verdienst untermiserabel war. Wenn ich
als angelernter Arbeiter monatlich um die 500 zl verdiente, war das
nicht viel - trotzdem für mich keine Tragödie, aber auch keine
zukunftsträchtige Arbeitsstelle. Dafür waren um die 600 zl, die
mein Hauer als Monatslohn (in meiner Anwesenheit) entgegennahm schon
ein Hungerlohn, für ihn und seine Familie. Weinend sprach er damals
zu mir: "Ja, von diesem Geld sollen wir leben?". Diese
fremde Erkenntnis war für mich auch der Anlaß, mich intensiver um
eine andere (bessere und der Familie nähere) Arbeitsstelle zu
bemühen. Das ging, weil ich doch als Absolvent in Lugknitz war, nur
über das Ministerium für Bergbau. Also nahm ich meine ganzen
damaligen Polnischkenntnisse und auch schriftstellerischen
Fähigkeiten beim Schopf und verfasste ein Bittgesuch um eine
dienstliche Versetzung nach Gleiwitz, auf die dortige
Steinkohlengrube.
Derweil lief der Alltag in Lugknitz weiter.
Jeden Morgen, oder Mittag, (je nach Schicht), packte ich mein
Pausenbrot in die Zeitung, füllte eine Bierflasche (damals noch
obligatorisch mit Schnappverschluß zum beliebigen Öffnen und
Schließen) mit Wasser und begab mich zu Fuß zu der ungefähr 1 km
entfernten Grube. Eigentlich war das gar keine Grube im allgemein
bekannten Sinn, sondern nur ein Bretterschuppen irgendwo in der
dortigen Mondlandschaft, in dem der Schrägstollen endete und in dem
es eine Befüllanlage für Waggons gab. Keine anderen Gebäude,
geschweige denn Sozialeinrichtungen. (Waschen, Umziehen blieben eine
Angelegenheit für "zu Hause". Dort wohnten wir zu viert
oder sechst in einem Zimmer - aber die Duschen waren in einem
separaten Raum.) Zur Arbeit ging es gewöhnlich in Gesellschaft, man
konnte sich unterhalten, Meinungen und Zukunftspläne austauschen
oder noch irgendein Experiment mit gefundener Munition machen.
Knallen war halt nicht nur damals ein beliebter Zeitvertreib und die
(fast) überall vorhandene Munition erleichterte es ungemein.
Dann,
schon unten ging es ernster zu, fest eingeteilte Kräfte (zu denen
ich gehörte) trollten sich auf ihren Arbeitsplatz, die anderen
wurden vom Steiger eingewiesen. Ich zog mein Werkzeug, die
Herzschaufel (genannt so wegen ihrer Form) aus einem Versteck, mein
Hauer war mit seinem Werkzeug (Axt, Keilhaue und Säge) gewöhnlich
schon da. Und es ging auch gleich zur Sache. Die Oberbekleidung
(draußen herrschten Temperaturen unter oder bei Null) kam an den
Nagel und noch verhältnismäßig dick bekleidet fing die Arbeit an.
Die Strecke säubern während der Hauer dies oder jenes beim Bau
korrigierte oder sich nach passendem Holz für die Schicht umsah.
Wenn der Hunt voll war, schob ich ihn zur Hauptstrecke, drehte in auf
der Drehscheibe und weiter ging es bis zum Bunker in den ich ihn
entleerte. Dann zurück und je nach Bedarf laden oder dem Hauer beim
Bau helfen. Bis dann endlich die Zeit kam, wo der Hauer die
Essenspause verkündete.
Dann ging er an seine, von zu Haus
gebrachte Vorräte, während ich mich die paar Schritte zurückbegab,
wo meine Jacke unter dem First hang. Ein gewohnter Griff in den Ärmel
wo das Brot verstaut war, ein zweiter in die Tasche mit der Flasche.
So war es eine Routine, bis zu diesem Tag, an dem ich meine Hand in
den Ärmel steckte und mir eine Ratte über die Hand, den Arm und
dann die Achsel flitzte und eben so schnell in der Finsternis der
Strecke verschwand. Erst dann erschrack ich, aber böse wurde ich als
ich mein Frühstück inspizierte: an paar Stellen ziemlich
unappetitlich angefressen bedeutete für mich, daß es heute zum
Frühstück nur Wasser gab. Die Rattenplage in diesem seichten
Bergwerk war ganz ernst zu nehmen. Deswegen habe ich seit jener Zeit
meine Jacke mit dem Frühstück noch kunstvoller unter dem First
befestigt, um auch den Akrobaten unter den Ratten keine Erfolgschance
einzuräumen.
Das Schönste an jeder Schicht war ihr Ende. Aber
nicht nur deswegen weil die Arbeit ein Ende hatte, sondern auch wegen
der Ausfahrt. Im Schrägstollen gab es neben einer provisorischen
Treppenleiter auch ein Förderband, welches nach der Schicht von fast
allen Bergleuten zum bequemen Verlassen der Arbeitsstelle benutzt
wurde. Halb sitzend, halb liegend kauerte man auf diesem Band, jede
drei oder vier Meter ein Mann. Die Karbidlampe in der rechten Hand
ging es dann bergauf: über jede Stützrolle ein Hopser, danach ein
Durchhänger zwischen den Rollen. Ein romantisch-schöner Anblick
beim Zurückschauen auf die sich wie eine Perlenschnur nach oben
bewegende Lichterkette. Aber nicht nur dieser Anblick, sondern wohl
auch das im Unterbewußtsein vorhandene Gefühl einer Erlösung
hatten Einfluß auf die sich jeden Tag zu diesem Zeitpunkt neu
einstellende gute Stimmung.
Nun die sollte an einem Tage noch
besser werden, nämlich dem, der mein letzter Arbeitstag in Lugknitz
war. Eine leichte Wehmut beherrschte mich in diesen Tagen, zwischen
dem Erhalt meiner Dienstversetzung(!) nach Gleiwitz und der letzten,
allerschönsten Ausfahrt an die Erdoberfläche. Mir taten die Leute
leid, die ich verließ, meine Kollegen, die keine andere Perspektive
hatten als diese stumpfsinnige, gefährliche und schlecht bezahlte
Arbeit in einem Nest fern der normalen Welt.
Und da war ich wieder in Gleiwitz. Bei den Eltern,
Geschwistern und der Oma, alles in der Wohnung auf der Adolfstraße.
Kurz währten die angenehmen, ersten Augenblicke, dann ging es zur
Grube. Mit der ministerialen Versetzung und dem Arbeitszeugnis in der
Hand meldete ich mich im Personalbüro. Dort herrschten noch
althergebrachte Sitten und Sprachgebräuche, die Personalfluktuation
in Gleiwitz war gering und Zugänge von Schulabsolventen meiner
Kategorie wohl noch seltener. So kam es, daß mein im offziellen
Schul- und Ministerialjargon gebrauchter "Dienstgrad":
Jungbergmann, hier traditionsgemäß mit Junghauer übersetzt wurde.
Ich hielt wohlweislich Ruhe ob dieser Verwechslung, bedeutete diese
Einstufung doch mehr Ansehen, und ein um 10% im Verhältnis zum
Schlepper, höheren Verdienst!
Das war es auch schon im
Personalbüro: "Melden Sie sich in der Abteilung VIII, dort
werden Sie mit allem versorgt". Abteilung VIII sollte heißen:
in der Schreibstube der Förderabteilung VIII im großen
Zechengebäude, der Anlaufstelle für Steiger und gewöhnliche
Arbeiter. Für die letzteren gab es ein Schalterfenster in dem man
vor oder nach der Schicht brav anstand. Nun, aber ich kam hier im
Laufe des Tages und alles klappte wie am Schnürchen: Die Anweisung
für die Arbeitskleidung, einen Lederhelm, die Karbidlampe, Karbid,
die Marke und die Zuteilung eines Hakens für die Kleidung in der
Waschkaue. Ja und dann die lapidare Endbemerkung: ...Einfahrt morgen,
22:30.
Und dabei sollte es über viele Monate bleiben. Denn an
diesem Tag hat sich mein Los entschieden: Junghauer an der Seite
eines schon älteren, von der Arbeit gezeichneten Bergmanns. Er war
ein Repatriant, ein Heimkehrer aus Frankreich, der sich das neue
Polen etwas anders vorgestellt hatte. Nun, von Politik sprach man
selten. Seine Anschauungen lernte ich mit der Zeit kennen, anhand
seiner kargen Äußerungen beim (nächtlichen) Frühstück. Ansonsten
wurde wenig gesprochen, die Arbeit war dominierend ...und schwer.
Es
fing mit dem täglichen "Zurarbeitgehen" an. Wenn andere
christliche Menschen sich fürs Bett vorbereiteten, packte ich die
von Mutter vorbereiteten Schnitten (Stullen) in die Tasche und begab
mich in Richtung Bahnhof. Das war der erste Kilometer. Wenn ich Glück
hatte, war eine Straßenbahn, die Nr. 2 da, die mich dann über die
nächsten zwei Kilometer beförderte. Das war leider der seltenere
Fall, denn die Straßenbahnen kannten de facto keinen Fahrplan. Also
ging es zu Fuß quer durch die Stadt weiter (immer schön
zurückschauend, ob nicht doch noch eine Bahn in Sichtweite
erscheint, welche man dann vielleicht in einem Riesensprint zur
nächsten Haltestelle noch geschnappt hätte) bis zur Endhaltestelle.
Von da blieb dann nur noch der vierte, womöglich fünfte Kilometer
der mich von meiner Arbeit trennte.
Dann mußte es weiter schnell
gehen: In die Waschkaue, Schloß auf, Haken runterlassen,
Arbeitsklamotten auf den Boden, saubere Sachen aufhängen und vor
Beschmutzung und Runterfallen sichern, Arbeitskleidung an, Haken
hochziehen, abschließen, Schlüssel an der Arbeitskleidung
befestigen und hin zu den Trögen in die man nach der Schicht die
Karbidlampen entleerte. In diesem pulvrigen Abfall fand man immer
noch genügend nicht zu Ende verbrauchte Karbidstücke, mit denen man
seine eigene Lampe befüllen konnte. Natürlich mußte man Vorsicht
walten lassen, um bei dieser Gelegenheit nicht einfach
Gesteinsbrocken einzusammeln, die sich immer wieder in den Trögen
fanden. Es war nämlich ziemlich bitter, gegen Ende der Schicht ohne
Licht dazustehen - aus vielerlei Gründen. Warum dann das ganze
Theater, könnte jemand fragen. Einfach: Mein (und vieler anderer)
Sparsamkeitssinn ließ es nicht zu, daß der unverbrauchte Karbid in
den Trögen vergammeln und die Atmosphäre verpesten sollte, wenn er
doch in der Lampe noch seinen Dienst tun konnte. Die Betriebszeit der
Lampe war für mehr als acht Stunden ausgelegt und man befüllte die
Lampe immer mit dieser Reserve; aus Unwissenheit, Bequemlichkeit oder
Sicherheit. Ich leistete mir diesen Komfort mit Abfällen, andere mit
Neukarbid.
Dafür konnte ich meine monatliche Zuteilung einfach
verscherbeln. Bei den Bauern oder Handwerkern war Karbid gefragt: zur
Beleuchtung oder zum Schweißen.
Jetzt noch Wasser in die Lampe
und ab zum Schacht. In Zweierreihen anstellen und warten bis der Korb
vorfuhr, dann in Zweierreihen rein - bis zum Anschlag, das Gitter
wurde geschlossen, zwei Gongschläge und der Korb senkte sich um eine
Etage. Dann die nächsten, Gong und das Gleiche nocheinmal und
nocheinmal. Dann war die Ladung fertig. Jetzt noch das endgültige
Signal und ab gings in die Tiefe mit einigen paar Metern pro Sekunde.
Es wird ganz finster, die meisten Lampen sind aus (wegen
Verbrennungsgefahr) oder werden vom Fahrtwind nachträglich gelöscht,
der Korb schlenkert. Hin und wieder flitzt eine im Schacht
angebrachte Notlampe vorbei in deren Lichtschein man die nassen
Konstruktionselemente des Schachtes und die massive, eicherne
Führungsschiene des Korbes erkennen kann. Oder es wird für einen
Moment hell wenn's an dem beleuchteten Gewölbe eines höher liegenden
Stollens vorbei geht. Die Männer im Korb schweigen, man hört die
dumpfen Schläge des Korbes gegen die hölzerne Führungsschiene und
den Fahrtwind. Irgendwann wird es langsamer, leiser und heller. Wir
sind rund 500 Meter unter der Erdoberfläche.
Aussteigen. Eine
Gruppe von über fünfzig Leuten (weitere folgen) bewegt sich in
Richtung "Bahnhof". Dort warten ein oder zwei Züge auf die
Arbeitswilligen. Bestehend leider nicht aus Salon- oder
Schlafwaggons. Gewöhnliche Hunte mit abgeschrägtem Boden sind es,
dieselben, in denen die Kohle transportiert wird. Fassungsvermögen:
ein Kubikmeter Gestein - oder vier Bergleute. Die sitzen dann zu
zweit nebeneinander, auf einem Brettchen welches die ordentlichen,
älteren Bergleute gewöhnlich mit sich trugen: zur Arbeit und zur
Waschkaue. Die weniger ordentlichen, mich nicht ausgenommen, blieben
auf ein zufällig rumliegendes Brett angewiesen - ...oder aber einen
gutmütigen Gastgeber, der einem einen Sitzplatz einräumte. Auf der
Fahrt zur Arbeit war das nicht so selbstverständlich. Weil es doch
viele Wagen gab (alle mußten vor Ort um Kohle oder Gestein) und ein
Fingerzeig auf den leeren Hunt nebenan machte so manche Hoffnung auf
einen warmen Platz zunichte. Doch wenn man schon den warmen Platz
hatte, so war er doch auch für den Gastgeber warm - also eine auf
Gegenseitigkeit beruhende Gastfreundschaft. Schon mal sitzend hatte
man fast eine Stunde Muße, weil die Fahrt vor Ort so lange dauerte.
Es war wohl ein Ritual, daß man da sein Butterbrot, Teil eins,
auspackte und sich für die kommende Arbeit stärkte. Das danach
übrigbleibende Papier hatte eine wichtige Rolle zu erfüllen,
zwischen Knie und Wagenwand gesteckt minimierte es den Kontakt zur
kalten Wagenwand. So diente auch das zweite, in der Jackentasche nach
dem restlichen "Frühstück" aufgehobene Papier auf dem
"Zumschachtweg" dem gleichen Zweck.
Das alles hat man
recht schnell gelernt, auch das, daß auf der Rückfahrt zum Schacht
andere Regeln herrschten. Denn jetzt sorgte der Steiger dafür, daß
nur so viel leere Hunte, wie unbedingt notwendig, für die Rückfahrt
bereit standen. Dafür kam man vor Ort wiederum leichter an ein
trockenes Brett, welches man dann beim Schacht irgendwo verstauen
konnte, um es womöglich am nächsten Tag noch wiederzufinden.
Gewöhnlich fand man es zwar nicht - mit etwas Glück aber ein
fremdes.
Ganz schlimm war es, wenn man als ziemlich letzter zum
Zug kam und dann nur noch einen, einen einzigen leeren Hunt vorfand,
dieser aber durch einen Haufen aus menschlichem und stinkendem
Nachlaß gekennzeichnet war... Na ja, hier noch eine kleine Zusammefassung über das Leben im und um den Hunt:
Der Förderwagen oder auch der Hunt. -
Eine zentrale Bedeutung im Bergbau - und in meinem bergmännischen Berufsleben natürlich auch - muß man dem Hunt zuschreiben. In allen fast Querschlägen und Strecken nimmt er die Beförderung der Berge, Kohle oder anderer Mineralien wahr.
Der Hunt des XIX Jahrhunderts war in den meisten Fällen aus Stahl und bewegte sich auf Schienen. Die bis heute meistverbreitete Bauart hat ein Fassungsvermögen von wohl 1000 Litern, einen abgerundeten Boden und läuft auf Schienen. Stirnseitig hat er je einen Puffer und das Kupplungsgestänge, bestehend aus Haken und Öse. Die vier Räder sind zweckmäßig nahe der Mitte (also des Schwerpunktes) angeordnet.
So kann man bei Bedarf, den von den Schienen gesprungenen Hunt (mit Kohle beladen gut über 1000 KG) meistens auch allein wieder auf die Schienen stellen. Zu was ich nicht einmal gezwungen war. Denn die Schienen vor Ort waren gewöhnlich in einem schlechten Zustand und bei unsachgemäßer Behandlung, z.B. abrupten Bewegungsabläufen oder Hindernissen auf den Schienen, kam es schon öfter zu solchen Situationen. Wollte man sich keine Schimpftirade des Steigers einhandeln oder war man auch selbst an einem möglichst reibungslosem Ablauf der Arbeit interessiert, so versuchte man der Situation Herr zu werden. Wie? - Man ging in die Hocke, lehnte sich mit dem Rücken an den (zuvor vor dem Wegrollen gesicherten Wagen) und legte seine ganze Kraft in beide, die Kupplung haltenden Hände, um den Wagen wieder auf die Schienen zu stellen. Erst eine, dann die andere Seite.
In den fünfziger Jahren diente der Hunt auch zur Personenbeförderung. Zwei kurze, zwischen die Seitenwände geklemmte Brettchen, dienten als Sitzfläche für vier Bergleute. So kam die Belegschaft, eine Stunde nach der Einfahrt, zu ihrem Arbeitsplatz, der in Gleiwitz gegen 5 km vom Schacht entfernt war. Bequem war es nicht und ich mußte mich erst an die Gegebenheiten und Sitten gewöhnen, die bei dieser Bewegungsart vorherrschten.
Und dann die Karbidlampen. Man löschte sie während der Fahrt gewöhnlich aus. Einmal um den Karbid zu sparen, aber anderseits auch, um niemanden in diesem engen Wagen anzubrennen. Vier Mann auf diesem kleinen Raum.
Heute ist das alles schon Geschichte. Die letzten Kohlebergwerke schließen und offenes Feuer gibt es unten schon lange nicht mehr. Deswegen auch schon nicht mehr die zugedrückten Strecken, in welchen man nur noch den lichten Querschnitt für die Hunts unterhielt. Sich an ihnen vorbei durchzudrücken, mal links, mal rechts, war eine echte Zumutung - manchmal brauchte man dafür sogar Mut. Der Zug konnte sich doch in Bewegung setzen...
Aber jetzt sind wir erstmal vor Ort, d.h. wir müssen zwar noch zwei- oder dreihundert Meter
zurücklegen um am eigentlichen Arbeitsplatz zu sein, unserer Stein-Kohlestrecke, welche hier unter dem Streb als
Kohlenabfuhrstrecke diente. Die eigentliche Arbeitsfront war das
jeweilige Ende der Strecke, wir mußten sie weitertreiben, hinein in
das Gestein und das schräg verlaufende Kohlenflöz. Dies letzte
hatte in unserem Fall eine Mächtigkeit (Dicke) von durchschnittlich
60 Zentimetern, der Rest - also der First und die Sohle des Flözes -
(schräg darüber und darunter) war Gestein. Der Querschnitt unserer
Strecke war leicht trapezförmig gehalten, weil diese Art des Ausbaus
die Kräfte welche aus der Schräglage des Flözes, mit zum
Verschieben tendentierenden Schichten auftraten, besser verkraften
konnte. So betrugen die lichten Weiten, die nach dem Ausbau zustande
kamen ungefähr 2,5 Meter unten, oben ungefähr 1,5 Meter bei einer
Höhe von zwei Metern. Der planmäßige Vortrieb (unsere Norm) betrug
um 14 Zentimeter pro Nase und Schicht.
Mit dieser Einstellung
(die Norm im Hinterkopf) fing man eigentlich jeden Tag an. Meine
erste Tätigkeit war das Herbeischaffen eines Hunts. Da die Strecke
mit einem leichten Gefälle gebaut wurde (für den problemloseren
Abtransport der geförderten Kohle, aber auch unseres Gesteins) mußte
ich den am Seil befestigten Haken des in jeweiliger Abbauhöhe
installierten Haspels nach unten ziehen, einen Hunt befestigen, dann
nach oben laufen und den Hunt heranziehen. Mit viel Gefühl für alle
Tücken der Leine, des kurvenförmigen Verlaufes der Strecke, der
bestehenden Unebenheiten und des eventuell leicht devastiertem
Gleises selbst. Ansonsten sprang das Ding aus den Schienen und je
nach Beschaffenheit der Umgebung gab es größere, seltener kleine
Probleme. Gut, wenn ich sie allein bewältigen konnte.
Dann ging
es ans Verladen des am Vortag gesprengten Gesteins oder Kohle. Die
Kohle ließ sich eindeutig besser laden, denn nach der Sprengung (dem
Schießen!) war sie nur noch grießförmig vorhanden. Wir freuten
uns, wenn es möglichst viele Hunts waren, die wir voll bekamen. Denn
erstens gab es für jeden den wir aus der Strecke förderten bares
Geld und zweitens bedeutete mehr Kohle weniger zu förderndes
Gestein, welches ungleich schwieriger zu schießen, zerkleinern und
zu verladen war. Jedenfalls waren die "Kohlentage" die
angenehmeren und leichteren für uns.
Nachdem die Kohle verladen
war, ich die zwei oder drei mit unseren Marken versehenen Wagen
abgeseilt hatte wurde das zwischendurch herbeigeschaffte Holz
bearbeitet und die Löcher für die Sprengung der im Querschnitt der
Strecke liegenden Gesteinsmassen gebohrt. Dies geschah abwechselnd
durch mich und den Hauer. Der Pressluftbohrhammer wog einiges und so
war man froh, wenn wieder ein Loch fertig war. Dabei war das Anlegen
der Löcher eine Kunst für sich: von der investierten Arbeit, dem
Verbrauch von Sprengstoff und dem dadurch erzielten Effekt, dem
Vortrieb. Wenn alles stimmte, kam man auch einen Meter voran. Wenn es
mal daneben ging, hatte man einen Fortschritt gleich Null, dafür
aber einen zerklüfteten mit Rissen versehenen Berg in dem das Bohren
und Sprengen uneffektiv, sogar problematisch wurde. Dieser Zustand
war das Schreckgespenst meines Hauers; deswegen seine Devise: lieber
ein Loch, eine Patrone mehr - dafür aber ein sicheres, gewolltes
Ergebnis. Also bohrten wir im Stein bis zu zwölf Löcher, kürzere
zum Abdecken, tiefere zur Profilschaffung. Danach wurden die Zünder
mit Verzögerungslunten so vorbereitet (die Arbeit des Hauers), daß
die einzelnen Zünder später in knappen Sekundenabständen
detonieren konnten. Jetzt wurden die Löcher befüllt, je nach Länge
oder Arbeit die zu leisten war mit zwei bis fünf Patronen, mit dem
Schießstock schön festgestampft und zuletzt die Patrone mit dem
Zünder nachgeschoben, eher delikat angedrückt und mit einem oder
zwei Lehmklößen fixiert und vor dem Herausfallen gesichert. Jetzt
wurden die aus den Löchern heraushängenden Enden der elektrischen
Zünder schön in Reihe geschaltet, heißt von Hand verdrillt, und
die zwei freigebliebenen Enden mit der Zündleitung verbunden, die
zur Schießausrüstung meines Hauers gehörte. Die wickelte ich
auseinander um in eine sichere Entfernung zu kommen aus der dann die
Detonation mit dem Schießdynamo ausgelöst werden konnte. Präziser
die Serie von Detonationen, denn wir zählten fleißig mit: "eins,
...zwei, ...drei und am Ende die erlösende Zahl die das letzte Loch
bedeutete. Das hieß, alle Löcher haben gezündet und wenn dann auch
noch der Klang der Richtige gewesen war, wußten wir: Alles in
Ordnung. Das war auch das Ende unserer Schicht, denn jetzt ging es ab
in Richtung Haltestelle unseres Expresses. Nur manchmal ließ es dem
Hauer keine Ruhe: Ist alles richtig gelaufen oder nicht? In diesen
Fällen bekam ich seinen unhandlichen Blechbehälter mit dem Rest des
Sprengstoffes geschultert und ging allein los, während er noch vor
Ort hastete um sich die Bescherung anzuschauen. Zufrieden oder
weniger zufrieden konnte er mich dann ohne dem sperrigen Gepäck
schnell einholen.
Der nächste Tag fing dann mit dem Verladen
der Gesteinsbrocken an. Die ganz großen mußten mit dem Hammer
zerschlagen werden, die mittleren wurden von Hand in den Hunt
geworfen und dann der restliche Schutt mit der Schaufel verladen. Das
war die schwerste Arbeit, erstens wegen der Menge (4 - 6 Hunte),
zweitens aber wegen der Schwierigkeiten beim Aufraffen der unförmigen
und ineinander verzahnten Brocken. Die Stahlbleche, die man vor dem
Schießen auf dem Boden ausgebreitet hatte, halfen nur bedingt: sie
lagen nur ganz vorne, doch das abgeschossene Material war auf einigen
Metern, bis zwischen die Schienen verstreut.
Diese Arbeit
verlangte mir vieles ab, es ging bis an den Rand meiner Kräfte. Denn
mit meinen 19 Jahren war ich zwar jung, aber leider nicht
athletischer Bauart. Dazu kamen die allgemeinen Arbeitsbedingungen
unter Tage. Man war dort in Gesellschaft von einfachen,
unkomplizierten Menschen mit eben solchen Horizonten. Die tägliche
Routine: 21:30 ab in die Grube, umziehen in die dreckigen Klamotten,
unter die Erde - kilometerweit, stur schuften, ausfahren, waschen und
gegen 8:30 matt im prallen Sonnenschein in Richtung Zuhause.
Schlafen, ein paar Stunden freie Zeit und das Gleiche wieder, 29 oder
30 Tage, Entschuldigung: Nächte im Monat. Ja so war es im Bergbau
anno domini 1952. Nur ein freier (Sonn-)Tag im Monat! Es war eine für
mich erdrückende Atmosphäre, ich wollte und mußte etwas anderes -
möglichst schnell - anstreben. Das tat ich dann auch intensiv und
irgendwann kannte ich das Datum, welches das Ende meiner regulären
Arbeit in der Gleiwitzer Grube und den Anfang meiner weiteren
schulischen Ausbildung bedeutete. Doch bis dahin gab es noch einiges
zu erleben...
Mein Hauer war, wie schon gesagt, vom Leben
gezeichnet. Die vielen Jahre unter Tage hatten an seiner Gesundheit
gezehrt und so war es nicht verwunderlich, daß er für ein, zwei
oder drei Tage in der Arbeit fehlte. Aufgrund eines ärztlichen
Attestes. Ja, der Arzt stellte wirklich Kranheitsbescheinigungen in
diesen homöopathischen Dosen aus. Nach einem, zwei oder drei Tagen
mußte der Patient gesund sein: Pläne waren zu erfüllen!
Während
seiner Abwesenheit ruhte die Strecke und ich wurde der Mannschaft im
Streb zugeordnet. Streb, das war die Abbaufront des Flözes, welches
im Winkel von ungefähr 45° auf einer Länge von ~65 Metern von
unserer Kohlenabfuhrstrecke zu einer 50 Meter höher liegenden
Wetterstrecke verlief. Hier gab es für mich, je nach Lust und Laune,
vielleicht auch Bedürfnissen des Hauers der in dem Streb das Sagen
hatte, zwei Aufgabengebiete: den Bunker oder Hilfsarbeiten im Streb
selbst.
Das letztere war so eine Angelegenheit... Bitte sich
mal vorstellen: Das Flöz im Mittel 60 Zentimeter dick, d.h. zwischen
der Sohle und dem First 60, 70, 50, 40 oder an manchen Stellen auch
weniger Zentimeter. Das alles um ungefähr 45° geneigt, was bei der
glatten Sohle eine normale Schlittenpartie bedeutet hätte, ja
hätte man sich nicht wo abzustützen. Da waren zum Glück die
Stempel in fast Meterabständen, verkeilt zwischen Sohle und First
die zusammen mit den Kappen ein zu frühes Einbrechen der
Gesteinsschichten verhindern sollten. Also konnte man sich bergab
verhältnismäßig einfach bewegen, auf dem Po oder Rücken ging es
von allein. Es sei denn, daß der Berg die Stempel schon so verkürzt
hatte, daß an vorher schon niedrigen Stellen die lichte Entfernung
zu klein wurde, und man sich nicht mehr auf die Seite legen konnte.
Oder sogar so eng, daß sich der Helm mit seinem Schild zwischen
Sohle und First verkeilte und man plötzlich mich nacktem Kopf
weiterschlidderte. Doch die eigentliche Arbeit bestand im Transport
von Holz, aus der oberen Strecke zu dem jeweiligen Arbeitsplatz der
vier in der Mannschaft tätigen Bergleute. Die lagen nämlich in
ihren Nischen und bearbeiteten die Kohle mit ihren Presslufthämmern.
Sie schälten die Kohle aus dem Flöz und ließen sie bergab
rutschen. Die Arbeitsfronten der einzelnen Männer waren versetzt, so
daß die Kohle von oben kommend an den tiefer arbeitenden
vorbeirauschen konnte,
Die Verteilung des Holzes geschah über
ein ausgeklügeltes System mit ein paar Leitbrettern und
Vorratsstellen. Von dort aus konnte man dann die einzelnen Bergleute
bei Bedarf schnell mit Stempeln und Kappen versorgen, denn schnell
mußte es immer gehen! Letztendlich betrug die effektive Arbeitszeit
vor Ort nur gute 5 Stunden! Also flitze ich den Streb rauf und
runter, wobei raufflitzen nicht wörtlich zu nehmen ist, beseitigte
bei Bedarf eventuelle Staus im Kohlefluß und saß, besser lag
pünktlich mit den anderen vor dem Bunker, wartete auf das
Hinausgelassenwerden und schimpfte mit den anderen, wenn der
Schlepper, die Bedienung des Bunkers, nicht rechtzeitig mit seiner
Arbeit fertig geworden war.
Denn, daß es der Mann da unten
nicht zu leicht hatte, davon konnte auch ich mich überzeugen, als
mir die Rolle des Bunkermannes zufiel. Also mußte man schon zum
Schichtanfang wissen, wie viel Kohle heute zu erwarten ist. Dann zog
man, wenn möglich alle Hunte nach oben, hinter den Bunker. Das war
der Idealfall. Denn in diesem Fall hatte man den Komfort, die Kohle
welche von oben herunterrauschte, laufend in die bereitstehenden
Hunte zu füllen. Also im Bunker - dem mit Brettern zur Strecke
abgegrenzten Raum des Strebes - keinen großen Vorrat anwachsen zu
lassen. Denn das barg Risiken. Wenn eine zu große Last im Bunker
war, konnte man das Verschlußbrett schwer bewegen. Das war besonders
kritisch beim Verschließen der Spalte, durch die man die Kohle in
den Hunt leitete. Schnell war dann der Hunt überfüllt und die Kohle
bedeckte den Boden rund um den Hunt. Wegen der engen
Platzverhältnisse war das Freischaufeln des Huntes ziemlich
umständlich und zeitraubend. Und der Vorrat im Bunker wuchs
zwischenzeitlich, mit ihm die Nervosität des Bunkermannes. Oder ein
Stück Kohle verklemmte sich in der Öffnung und wieder "rieselte"
die Kohle fast ungehindert zu Boden. Oder, gewöhnlich noch
schlimmer, ein Stück Holz hemmte erst den Lauf der Kohle um später
die Öffnung so zu blockieren, daß ein Schließen unmöglich wurde.
Alles Fälle die eintreten konnten und auch manchmal vorkamen.
Zum Glück wurde es bei meinem Praktikum am Bunker niemals ganz
kritisch, so das z.B. der ganze Hunt verschüttet wurde, oder ich die
Leute zum Ende der Schicht nicht pünktlich (durch Beseitigung
einiger Bretter des Bunkerverschlusses) aus dem Streb entlassen
konnte. Trotzdem blieb die Arbeit etwas aufregend und auch schwer.
Man mußte die über eine Tonne wiegenden Hunte verschieben, kuppeln
und aufpassen, damit sie sich bei diesen Manövern nicht selbständig
machten. Es gab, wie gesagt ein Gefälle und ein frei gewordener Hunt
hätte, bevor er entgleiste auch einen schlimmen Unfall verursachen
können. Denn im Normalfall wurden die Hunte, schon als Meute
zusammengekuppelt, am Seil des Haspels heruntergelassen.
Dann war
noch die Arbeit des Befüllens selbst. Man hatte also den Hunt unter
der Bunkeröffnung plaziert, eine Blechmarke zur Identifizierung der
Brigade im dafür bestimmten Loch des Huntes angebracht, die
Karbidlampe etwas seitwärts - so daß sie die Öffnung und den Hunt
beleuchtete - aufgehängt und stand selbst daneben um mit dem
beweglichen Brett, welches die Bunkeröffnung verdeckte, möglichst
optimal hantieren zu können. Dann öffnete ich einen Spalt um die
Kohle rinnen zu lassen, wenn aber kleinere Stücke den Lauf hemmten,
mußte ich den Spalt vergrößern. Durch den größeren Spalt kam
auch sofort ein größerer Schwall und mit ihm eine Staubwolke die
sich aus dem Hunt erhob und mit der Kohle aus der Öffnung schwebte.
Eine Staubwolke so dicht, daß das Licht der Lampe sogar als Punkt
entschwand und man sein Gehör zu Rate ziehen mußte, ob der Hunt nun
schon voll ist oder nicht. Wenn dann noch etwas fehlte, nahm ich
lieber die Schaufel und suchte den Hunt von Hand mit der am Boden
verschütteten Kohle aufzufüllen. So brauchte ich nicht das Risiko
eines nächsten, vielleicht übergroßen und nicht zu bändigenden
Schwalles heraufbeschwören. Von den anderen Annehmlichkeiten des
Staubes in den Augen, der Nase und überhaupt auf dem ganzen Körper
spreche ich hier schon nicht.
Doch dann kam bei dieser Arbeit der
angenehmste Moment, wenn ich dem Hauer die Zahl der befüllten Wagen
melden konnte. Natürlich nur dann, wenn sie seinen Erwartungen
entsprach oder diese überstieg. Im anderen Fall gab es Ärger, zwar
nicht mit mir, aber mit seinen Leuten. Und es war ein rauhes Volk da
unten.
Polen strebte eine Fördermenge von 100 Millionen
Tonnen im Jahr an. Deswegen war die Wirtschaftlichkeit, die Erfolge
im Streckenbau und der Förderung das Thema Nr. 1. Das seitens des
Betriebes - aber wegen des damit verbundenen materiellen Aspektes,
auch das der direkt vor Ort arbeitenden Bergleute. Die Norm und ihre
Erfüllung, besser Überschreitung. Für unsere Strecke konnte ich
auf einer Tafel an der Oberfläche jede Woche den aktuellen Stand
ablesen: Wenn es 110% waren, lief es gut und mein Hauer war
zufrieden, manchmal waren es 115 oder 118%. Dann war es sehr gut und
in der Lohntüte fanden sich die knapp 1000 zl. Fast das Doppelte des
Verdienstes, den ich in Lugknitz erzielt habe.... Steinkohle, Export,
Sozialismus eben.
Trotzdem auch hier die Arbeit nicht ganz
ungefährlich war. Diese Erfahrung machte ich wohl im zweiten Monat
meiner Arbeit in Gleiwitz. Vor dem anstehenden Ausbau der Strecke
wurden die Seitenwände von herausstehenden Brocken, mit Hilfe der
Keilhaue, gesäubert. Ich kämpfte gerade mit einem sich sperrenden
Brocken im unteren Bereich, als sich aus dem First eine Steinplatte
löste und wie das Beil einer Guillotine seinen Weg nach unten nahm.
Da aber war mein lederbehelmter Kopf im Weg, zum Glück nur die linke
Seite welche aber beiseite geschoben wurde, damit die
rasiermesserscharfe Kante eine Rasur der linken Gesichtshälfte
vornehmen konnte. Zum Glück waren alle meine restlichen Körperteile
außerhalb der Flugbahn dieser Platte. So blieb es bei einer
blutenden Backe und der späten Erkenntnis, daß manchmal auch
Hausfrauen Recht haben, wenn sie das Saubermachen oben anfangen.
Ich
hatte für diese Nacht frühzeitig ausgedient, bekam vom Steiger
einen entsprechenden Zettel, einen leeren Hunt direkt hinter der
Elektrolok und fuhr mit einem Kohlezug zum Schacht. Hier wurde ich
ziemlich selbstverständlich in die oberste Etage des Förderkorbes
verfrachtet, aber nicht allein: ein Hunt fuhr mit. Die Produktion
blieb halt wichtig. Daß ich etwas Bammel hatte als die Maschine
anzog, der Hunt mich in den Rücken drückte und wir dann mit
Fördergeschwindigkeit bei offenem Korb nach oben sausten wird mir
jeder glauben. Dazu gesellte sich jetzt noch das Bedenken, ob der
Maschinist mich oben rechtzeitig erblickt und aus dem Korb herausläßt
oder gewohnheitsgemäß noch während der Anfahrtsphase den Hebel des
Druckluftzylinders betätigt, der mit zwei leeren Hunts die vollen
aus dem Korb herausknallt. Deswegen fuchtelte ich mit der voll
aufgedrehten Lampe herum, um auf mich aufmerksam zu machen. Alles
lief glatt, er sah mich - oder hatte ihn der Maschinist von unten
benachrichtigt? Wahrscheinlich ja - und ich konnte den Korb mit
heilen Gliedern und einem mitleidigen Lächeln des Maschinisten
verlassen.
Dann ging es durch die ungewohnt leeren Gänge in die
unheimlich leere Waschkaue, aber nein, hier kam schon der
Bademeister, öffnete mir eine Dusche abseits des Gemeinschaftsraumes
und ich konnte mich vorsichtig waschen. Die Backe war verkrustet und
frisches Blut floß nicht mehr. Dann ging es ab zur Ambulanz, wo ich
ein bißchen gepiesackt wurde, ein Pflaster und vom Arzt einen freien
Tag bekam. Und das war es dann. An diesem Tag war ich schon gegen
sechs Uhr morgens zu Hause.
Auch dieses Erlebnis gehörte
dazu, zur Arbeit und zum Zusammenleben mit meinem Hauer. Er sah in
mir bald einen guten, vertrauenswürdigen Mitarbeiter und überließ
mir des öfteren verschiedene Entscheidungen. So beim Bohren oder der
Organisation unserer Arbeit. Aber auch bei den Schießarbeiten durfte
ich bald aktiv mithelfen. Laden, die Löcher verkabeln und das Kabel
zum Zünden vorbereiten. Dann auch Zünden! Diese Vertrauensbeweise
motivierten mich und halfen mir des öfteren bei der Überwindung von
unvermeidlichen Krisen bei der Untertagearbeit.
Ich versuchte
mich dafür zu revanchieren, indem ich ihm bestimmte Handgriffe
abnahm und dafür zu kleinen Verschnaufpausen verhalf. Oder ich
übernahm das Tragen des schweren und unhandlichen
Munitionsbehälters. Das letztere vor allem dann, wenn er nach dem
Schießen noch schnell nach vorn und dessen Ergebnisse inspizieren
wollte, während es eigentlich schon höchste Zeit war um zum Zug zu
kommen. Jedenfalls war er dann ohne Gepäck und es ging schneller.
Das klappte schon über Monate, bis zu dem einen, einzigen
Sonntagmorgen im Monat, an dem wir abends nicht zur Schicht mußten.
Die Arbeit in dieser Nacht verlief schleppend, mit dem Schießen
waren wir schon spät dran, aber mein Mann mußte noch zur
Besichtigung der Sprengungsstelle. Mit dem ganzen Gepäck (diesmal
hatte ich noch zwei lange Bohrer auf der Schulter) stolperte ich
schon schnell in Richtung Zug als mich der Hauer einholte. Er war
gelaufen aber das hat nichts mehr genützt. Als wir ankamen, war der
Zug schon weg. Ob er nun überpünktlich, unter dem Druck der anderen
Freizeithungrigen, losgefahren war oder ob wir echt zu spät gekommen
sind, das war nicht mehr zu klären und letztendlich auch egal.
Jedenfalls standen wir etwas bedeppert da und dachten an den
Fünfkilometerfußmarsch, auf dafür nicht vorgesehenem Untergrund
mit niedrig hängender, paarhundertvolt Fahrleitung und den Bohrern
auf der Schulter. Nein, so ging das nicht.
Mein Mann hatte eine
Idee: Zum Schacht hin gibt es immer ein leichtes Gefälle, also
nehmen wir einen Hunt, er steigt mit dem Gepäck ein und ich schiebe,
springe hinten auf, schiebe wieder usw. Nun, so könnten wir bestimmt
schneller ankommen, meinte auch ich. Also begab ich mich in die
nächsten Strecken um einen übriggebliebenen Hunt zu suchen.
Wenigstens jetzt hatten wir Glück, ganz in der Nähe fand ich einen
- und er lief leicht!
Also alles rein und ab! Weil wir um dies
Zeit keinen Gegenverkehr auf der eingleisigen Strecke zu befürchten
hatten (höchstens einen anderen verlorenen Hunt oder einen
Gesteinsbrocken) leuchtete mein Hauer nach vorn und ich machte den
Antrieb. Wenn der Hunt am Laufen war, sprang ich auf und hang wie ein
Affe zusammengekauert an der Rückwand, die Füße auf dem Puffer.
Manchmal ging es mit einem Schub 30 Meter, manchmal 130. Jedenfalls
kamen wir flott voran und unversehens war die beleuchtete
Hauptstrecke vor uns. Zwar schon zweigleisig, aber für unser
Verkehrsmittel bestimmt nicht vorgesehen. Deswegen schoben wir den
Hunt einige Meter zurück, so daß er von der abbiegenden Lok sofort
gesehen werden mußte und schubsten ihn sicherheitshalber mit einer
Achse von den Schienen. Die letzten paar Hundert Meter legten wir
schon auf den Füßen zurück, mußten glücklicherweise vor der
Ausfahrt nicht warten und hatten so effektiv nur eine gute halbe
Stunde verloren. Uff.
Es gäbe noch viel zu erzählen von den
Erfahrungen dieser Monate auf der Gleiwitzer Grube. Ich möchte nur
noch ein Erlebnis ins Gedächtnis rufen, welches mein junges
Selbstverständnis dieser Welt mit der Möglichkeit der Erklärung
eines jeden Vorfalls nachhaltig ins Wanken brachte.
Das war die
Sache mit dem Schlüssel. Einem kleinen, einzigen Schlüssel an einem
farbig isolierten Draht, mit dem er im Knopfloch befestigt wurde. Da
war er 24 Stunden am Tag. Entweder an der Arbeitskleidung - wenn ich
in der Arbeit war, oder an meiner Windjacke - wenn ich "privat"
war. Es war nämlich der Schlüssel vom Vorhängeschloß welches
meinen Haken in der Waschkaue sicherte, an dem hoch oben abwechselnd
meine Arbeitskleidung oder die guten Klamotten schwebten.
So
hatte ich auch an jenem Tag meine Zivilkleidung hochgezogen,
abgeschlossen und den Schlüssel doppelt gesichert: Ihn selbst in der
Tasche und den Draht im Knopfloch verdrillt. Nun, spätestens in dem
Moment als ich am nächsten Morgen, nach der Arbeit, schön schmutzig
und müde wieder vor dem Schloß stand bemerkte ich, daß auch so
eine Absicherung zu wenig gewesen war. Denn: Ein kurzes Stückchen
Draht hatte ich noch im Kopfloch, den Schlüssel in der Tasche jedoch
nicht mehr.
Ich war wahrscheinlich nicht der Erste, der in so
einer Angelegenheit beim Bademeister vorsprach. Er nahm seinen
Werkzeugkasten und nullkommanichts hatte er den ganzen
Befestigungsmechanismus von hinten abgeschraubt, so daß ich den
Haken mit meinen Sachen herunterlassen konnte, während die
Befestigung samt Schloß nach oben entschwand. Nach dem Bad und
Umkleiden wurde die Arbeitskleidung nach oben befördert und ich
unten alles zwar provisorisch, aber schön befestigte, so daß man
auf den ersten Blick garnicht den fehlenden Verschluß bemerkte.
Jetzt nach Hause! Ich hatte gehofft da irgend ein Schloß zu finden
oder organisieren zu können. Das aber war eine falsche Hoffnung
gewesen. So verblieb mit dem Provisorium alles beim alten, als ich
abends zur Arbeit einfuhr. Und kurz nachdem ich der Waschkaue den
Rücken gedreht hatte, war die Sache auch schon vergessen.
Ein
schwieriger Arbeitstag trug zusätzlich dazu bei, daß ich während
des ganzen Tages nicht einen Gedanken an mein Mißgeschick
verschwendete. So befand ich mich am Ende des Arbeitstages schon
wieder auf dem Weg zum Schacht, in einem wohl sechs Meter breiten und
100 Meter langem Stollen der direkt am Schacht endete. Der Boden des
Stollens war fast knöcheltief mit Staub bedeckt, in den man wie im
Treibsand einsackte. Diesen Weg legten alle tagtäglich zurück: Vom
Schacht zum "Bahnhof" und nach der Schicht umgekehrt. Wenn
es eben, so wie jetzt umgekehrt ging, bildete sich sofort ein Rudel
jüngerer Bergleute die im Laufschritt möglichst schnell den
Schacht, möglichst den ersten Korb erreichen wollten. Das wirbelte
natürlich jede Menge Staub auf und die Älteren sparten nicht mit
Schimpfworten. Was zwar nicht viel half, denn jeder der Jungen hatte
da oben seine "Pflichten". So wie ich auch. Deswegen lief
ich in diesem Schwarm mit, besessen von der gleichen Idee die auch
die anderen beflügelte.
Bis zu diesem Moment, in dem ein
Gedanke mein Gehirn durchzuckte: Der Schlüssel! Hier hättest du ihn
doch verlieren können! Der Gedanke und die Lampe (meine Karbidlampe
hatte einen Reflektor!) nach unten richten waren eins. Und was
schaute aus dem Staub heraus, direkt im Lichtkegel meiner Lampe: ein
Stückchen bunten Drahtes. Ich stoppte so abrupt, daß mich jemand
von hinten rammte und einen Fluch ausstieß. Doch das hörte ich fast
nicht mehr, denn als ich den Draht ergriff, erschien an seinem
anderen Ende mein Schlüssel!!!
Kaum zu glauben! Es war ein
bisher nichterahntes Erlebnis, ich war verwirrt und wußte nicht, wie
ich mir das erklären sollte. Ich konnte es nicht fassen. Einen
ganzen Tag in Bewegung: Waschkaue, der Weg zum Schacht,
Karbidklauben, das Gedränge im Korb, das Getrample durch die 100
Meter Staub zum Zug, die kilometerlange Fahrt im engen Hunt, der
ganze Arbeitstag mit vielem Bücken, Bewegungen und Gängen, dann
wieder viele Kilometer der Rückfahrt und keinen einzigen Gedanken an
den fehlenden Schlüssel verschwendet, ihn einfach vergessen.
Und
weiter auf den 100 mal 6 Metern Staub vor dem Schacht, bis zu dieser
eben einen Stelle, wo mitten im Lauf plötzlich der Gedankenblitz
kommt, herableuchten, sich bücken und den Schlüssel finden! An
einer Stelle, über welche in den letzten 24 Stunden schon Tausende
Beine gelaufen sind.
Ich stand später schon unter der Dusche,
war aber mit meinen Gedanken immer noch an dieser Stelle, an welcher
der Schlüssel auf mich gewartet hat.
Und so blieb ich
letztendlich mit der unbeantworteten Frage: Hat der Schlüssel mir da
eine Nachricht "gefunkt"?
Das Studium neigte sich dem Ende zu und das letzte
Semester war eigentlich der Diplomarbeit vorbehalten. Ich machte mir
Gedanken, wie es weiter gehen soll. Die Perspektive der Arbeit im
Bergbau, als technischer Angestellter, wahrscheinlich unter Tage,
hatte für mich wenig Reize. Zu gut hatte ich in den letzten Jahren,
vor und während des Studiums, die mich dort erwartenden Bedingungen
kennengelernt. Eine etablierte Technik auf niedrigem Niveau, dafür
95% Verwaltungsarbeit und Unannehmlichkeiten bei der Menschenführung.
Dieser letzte Aspekt war für mich besonders abschreckend, damals
noch im Unterbewußtsein. Später kam ich natürlich um diese
Probleme nicht ganz herum, sie blieben aber zum Glück in meiner
weiteren beruflichen Laufbahn immer moderat. Für alle Fälle
jedenfalls versuchte ich damals mein Glück außerhalb der
Bergbauindustrie.
Da für mich nach dem Studium sowieso nur
ein zu jener Zeit vorgeschriebenes Berufspraktikum in Frage kam, bei
dem das Gehalt von 1.500 zl festgeschrieben war (nun, im Bergbau war
es zwar mehr), war die Art des Betriebes zweitrangig. Aus meinem
damaligen, oberflächlichen, besser unvollkommenem Überblick
natürlich. Also überlegte ich nicht allzusehr, sondern begab mich,
so zur Probe, in das in Laband gelegene Walzwerk für
Nichteisenmetalle.
Personalbüro, eine stereotype Frage und die
Antwort: "Einen Moment bitte, der Leiter kommt gleich". Ein
paar Fragen, eine Nachfrage durch den Personalchef im Betrieb und:
"Gut, bitte reichen Sie ihre Unterlagen ein:" Ich war zwar
überrascht, aber vom übernächsten Tag ein Mitarbeiter des
Walzwerkes. Ich kam in die Betriebsinstandhaltung und sollte den
Betrieb etwas kennenlernen.
Und es gab etwas zum Kennenlernen!
Ich hätte mir wohl keinen besseren (aus technischer Sicht) Betrieb
wünschen können. Dazu nur einige Kilometer von Peiskretscham und
auch Gleiwitz entfernt! Im früheren Nickelwerk, direkt am
Klodnitzkanal gelegen, neben den ehemaligen (und auch damaligen)
Rüstungswerken.
Der Anfang war ziemlich prosaisch. Man
schickte mich ins Konstruktionsbüro, einer Abteilung im Ressort für
Mechanik und Elektrotechnik. Dort lungerte ich die ersten Tage
einfach herum, sprach mit den dort arbeitenden Menschen ...und lernte
den Betrieb kennen. Denn täglich war ich mit einem von ihnen im
Betrieb, vor Ort, wenn irgend etwas nicht stimmte, Pläne
aktualisiert werden mußten und später öfters nur wegen meinem
Wissensdrang.
Denn hier gab es etwas zu sehen. Walzwerke: Von den
modernsten Quartowalzwerken mit komplizierter Antriebstechnik bis hin
zu einigen archaischen Triowalzwerken die noch mechanisch von einer
Dampfmaschine(!) aus dem Jahr, wohl 1912, angetrieben wurden.
Elektrische Maschinen, die man nur aus der Theorie kannte,
Amplidynen, dynamische Kondensatoren, Tachodynamos,
Synchronmaschinen, Generatoren und Motoren jeglicher Art.
Hochspannungsverteilerstationen, Meßtechniken für Temperatur und
Magnetismus,induktiv und gasbetriebene Schmelzöfen, Glühanlagen
mit Schutzgas, Verfahren zur Bimetallherstellung, Schneideanlagen
usw., usw.
Vorrangig interessierte mich ein großes Duowalzwerk
mit Gleichstromantrieb nach dem Leonardo-Ilgner-Prinzip, es
korrespondierte mit meinen Kenntnissen und Arbeiten aus dem Bergbau,
wo Fördermaschinen ähnlich ausgestattet waren. Und dem Thema meiner
Diplomarbeit, bei der ich gerade war.
Nun, allzubald wurden mir
die Flügel gestutzt, denn schon nach kurzer Zeit war man der
Meinung, daß ich auch für etwas verantwortlich sein könnte. Kurz
gesagt: ich wurde zum Meister für die elektrische
Instandhaltungbrigade ernannt. Nur gut, daß es da einen älteren
Vorarbeiter gab, der den Großteil meiner Aufgaben bisher erledigt
hatte und es auch jetzt weiter tat. Mir blieb die "Repräsentation",
die mich nicht überforderte. Der Betrieb lief über 24 Stunden, auch
Samstags. Meine Anwesenheit beschränkte sich im allgemeinen auf die
erste Schicht, es sei denn für Sonntag waren Wartungsarbeiten
angesagt, bei denen ich manchmal ein mulmiges Gefühl hatte. Ob auch
alle Maschinen am Montag wieder planmäßig anlaufen ...?
Doch
zum Glück gab es keine Probleme, alles verlief wunschgemäß.
Deswegen wurde mir eines schönen Tages eine Spezialaufgabe zuteil.
Das Brancheninstitut der Nichteisenmetallindustrie hatte eine Aufgabe
bekommen. Nämlich klären, warum die auf dem neuen Quartowalzwerk
Robertson gewalzten Bänder, während des Walzvorganges so häufig
reißen. Der damit Beauftragte des Institutes, Ing. Czaplicki bekam
mich als "Helfer" für seine Arbeit. Damit fing es an.
Wir
unterhielten uns, begutachteten die Maschinen und machten uns in etwa
mit den Schaltplänen vertraut. Das war eine Mammutaufgabe, denn die
Anlage war wirklich kompliziert. Zwanzig bis dreißig(!) elektrische
Maschinen elektrisch, elektromechanisch oder über elektromechanische
Regler miteinander gekoppelt. Hier den Grund der auftretenden Fehler
zu finden war eine schwierige Aufgabe vor allem deswegen, weil sie
nicht reproduzierbar waren. Einfach zufällig.
Also messen und
beobachten hieß die Devise und ich übernahm alsbald die Leitung der
Messungen. Ing. Czaplicki überließ mir diese Aufgabe zu gern,
schleppte dafür jede Menge von Meßapparatur an, die ich
anzuschließen, beobachten und zu verwalten hatte. Er selbst blieb
schon permanent im Hintergrund, heißt Institut und wartete auf meine
Berichte. Für mich waren es manchmal heikle Momente, wenn es um den
Anschluß der Geräte im Inneren der vielen Schaltschränke ging.
Denn die Maschinen liefen ununterbrochen. Dennoch konnte ich das
"Meßlaboratorium" auf vielen Tischen rund um die Maschinen
und Schaltschränke und dem ganzen Kabelgewirr nach drei oder vier
Wochen abbauen, ohne daß es zu einem unangenehmen Zwischenfall
gekommen wäre.
Wir werteten die Meßergebnisse provisorisch vor
Ort, also im Werk aus, worauf dann Ing. Czaplicki schon im Institut
einen umfangreichen Bericht, mit einer entsprechenden Würdigung
meiner Arbeit, verfasste. Das Ganze für mich eine interessante
Episode, aber mit späteren Folgen.
Eine andere Episode aus
dieser Zeit finde ich erwähnenswert: Nämlich den Ersatz des
ausgefallenen Hauptgenerators des einzigen Walzwerkes für dicke
Aluminiumbleche - dem einzigen nicht nur im Betrieb, sondern
polenweit.
Es war im Spätherbst 1961. Da war auf einmal die
Hiobsbotschaft da: Das aus der Sowjetunion stammende Walzwerk steht,
weil der Generator einen inneren Kurzschluß hat. Die Hektik, schon
über meinen Kopf hinweg - die Angelegenheit wurde als bedrohlich für
die polnische NE-Industrie wahrgenommen - hatte ein großes Ausmaß.
Da wurde erst einmal die Reparatur beim Hersteller abgeklärt, übers
Außenhandelsministerium natürlich(!), von wo wir die sehr
eindeutige Absage einer Reparatur bekamen. Von einem Ersatz, einer
anderen Maschine konnte schon garnicht die Rede sein. Die
Planwirtschaft hatte einen solchen Fall nicht berücksichtigt.
Was
dann also? Die Reparatur in Polen? Der einzige in Frage kommende
Reparaturbetrieb für elektrische Großmaschinen lag in Gleiwitz.
Also wurde auch dort ganz schnell angeklopft, auch verschiedene
Verbindungen, sogar Druckmittel ausgenutzt - trotzdem ohne Erfolg.
Der Betrieb ist überlastet, eine Reparatur konnte frühestens in
ungefähr einem Jahr eingeplant werden. Die Stimmung im Betrieb war
dementsprechend niedergeschlagen.
Zu diesem Zeitpunkt nahm mich
mein Vorarbeiter, der schon während des Krieges im Betrieb tätig
gewesen war, beiseite und sagte, er möchte mir was zeigen. Wir
gingen ans andere Ende des Betriebes in eine für die Produktion
nicht genutzte Halle, in der ich bisher nicht gewesen war und zeigte
auf zwei riesige Maschinen: "Die wurden hier abgestellt, als das
dazugehörige Walzwerk verschrottet wurde - und sie liefen bis zu
diesem Zeitpunkt!" Eine hochinteressante Überlegung: Anstatt
tatenlos zu warten, ein Risiko eingehen und versuchen zwei fremde
Maschinen in ein bestehendes Regelsystem zu integrieren ...?
Wir
besorgten uns fürs erste einen Lappen um die soliden Typenschilder zu
inspizieren: Zwei Siemens-Schuckert Maschinen, ein Generator
gekoppelt mit einem 6 kV Asynchronmotor, beide auf einem gemeinsamen,
sehr soliden Unterbau aus Profileisen. Ich schrieb mir die Daten ab
um sie im Büro mit denen des Originalgenerators vergleichen, vor
allem aber überlegen zu können. Was wäre wenn ...? Nach weiteren
Gesprächen mit meinem Vorarbeiter, einer Vorabmessung der
elektrischen Größen beider Maschinen kam ich zur Überzeugung, daß
die Probe eines Einsatzes eventuell zum Erfolg führen könnte.
Nun,
ich unterbreitete meine Vorstellungen an entsprechender Stelle,
nämlich meinem Vorgesetztem, dem Chefmechaniker. Zwar erfuhr ich
erst Skepsis, im Laufe meiner Darlegungen aber schwanden seine
Zweifel und da der anfängliche Aufwand verhältnismäßig niedrig
war, fiel die Entscheidung: Wir probieren es! Ich war mir zwar
bewußt, daß es im Falle eines Fiaskos heißen würde: Es ist ihm
nicht gelungen...
Vor mir stand die bisher größte Aufgabe
meines Lebens. Die größte, nicht weil die beiden Maschinen um die
10 Tonnen wogen , sondern deswegen, weil ich hier zum ersten Mal mein
theoretisches Wissen in schwierigen Industrieverhältnissen, unter
dem Druck nichtalltäglicher Begleitmomente, selbst einsetzen sollte.
Auf einer Eisenbahnplattform transportierten wir die
Maschineneinheit aus ihrer Lagerstätte in das große Maschinenhaus
des Duo-Walzwerkes. Das war einfach, denn hier wie dort gab es
genügend starke Hebebühnen, welche diese Last bewältigen konnten.
Hier, im Maschinenhaus, war es warm, hell und trocken. Die Maschinen
konnten gesäubert, auf Beschädigungen geprüft, vor allem aber
getrocknet werden. Mit einigen schalttechnischen Verrenkungen und der
aktiven Hilfe zweier Menschen mit Brechstangen schafften wir es, die
Maschinen mit minimaler Drehzahl in Bewegung zu setzen und sie dann
so effektiv und gleichmäßig mit der eigenen Verlustleistung
trocknen zu lassen. Ich ließ ein Protokoll führen, aus dem die
laufenden Isolationswerte der 6 kV - Maschine hervorgingen. Nach zwei
Tagen erschienen mir die Werte stabil und auch der allgemeine Zustand
der Maschinen weckte Vertrauen so, daß ich meinte ihren
Weitertransport an ihren Bestimmungsort verantworten zu können.
Dafür brauchten wir schon einen schweren Kran der
Staatseisenbahn, welcher die Einheit von der Plattform hievte und in
die Maschinenhalle hineinreichen konnte. (Daß dabei das große
Eingangstor beschädigt wurde, schien niemanden besonders zu stören
- mich also auch nicht.) Denn diese Maschinenhalle verfügte nur über
eine Hebebühne, die der Last der beiden Maschinen nicht gewachsen
war. Deswegen fand der weitere Transport auf Rollen statt. Die
Maschinen wurden an einer freien Stelle der Halle, in der Nähe des
Walzwerkstranges aufgestellt, wo schon eher ein alter, riesiger
Flüßigkeitsanlasser aufgestellt worden war. Er sollte einen
langsamen, für die Anlage verkraftbaren Anlauf der schweren
Maschinen gewährleisten. Doch damit gab es vorab noch einige
Aufregungen, er wurde versehentlich mit Ätznatron leitend gemacht
und das mußte schleunigst geradegebogen werden.
Dann endlich
waren alle Verbindungen hergestellt, Meßgeräte eingebunden und in
den Hauptkreis ein manuell zu betätigendes Gleichstromschütz
eingebaut. Die Erregung des Generators, in der Konsequenz seine
Spannung, wollte ich dann bei laufenden Maschinen prüfen und
einregeln.
Doch soweit kam es vorerst nicht. Der Anlauf des 6 kV
Motors verlief planmäßig, seine Drehzahl stieg beständig so, daß
ich den Wink zum Kurzschließen des Läufers gab. Das bedeutete einen
weiteren Anstieg der Drehzahl ...und eine negative Überraschung.
Denn plötzlich blies der Lüfter des Motors nicht nur den Reststaub
aus seinem Inneren, sondern mit einem ganz unangenehmen, schrillen
Geräusch flogen plötzlich auch Funken, solche die man von
Wunderkerzen kennt, gegen die Hallendecke.
Alle Anwesenden
standen plötzlich ziemlich versteinert da, auch ich brauchte den
Bruchteil einer Sekunde für die Entscheidung, die so, nach dem
planmäßigen Hochlauf, gar nicht im Programm stand. Ein Sprint zu
dem Hochspannungsverteiler, entlang an den einzelnen Kammern: Ja,
hier ist die provisorische Anzapfung und dann den roten Knopf
gedrückt, das war alles ein Werk von Sekunden. Die Maschinen kamen
schnell zum Stillstand, nur die Mutmaßungen fingen jetzt an. Ein
Fremdkörper? Nein, denn die Lösung war einfach: Durch den Transport
war es zu einer minimalen Bewegung der Lagerböcke gekommen und die
bei bestimmten Drehzahlen unausweichlichen Vibrationen hatten zum
Kontakt des Läufers mit dem Ständer geführt. Dieser Mißstand ließ
sich jedoch durch Neujustierung in den nächsten Stunden beheben und
die zweite Probe konnte angepeilt werden.
Diesmal verlief
alles nach Plan, die Maschinen erreichten ihre nominale Drehzahl und
ich beließ es voerst dabei. Ich beobachtete sie, horchte hinein und
notierte mir alle aktuellen Meßwerte. Sie waren im unauffälligen
Bereich und so entschloß ich mich den nächsten Schritt zu tun. Das
sollte die Erfassung der Maschinencharakteristik werden. Ich
schaltete die Erregerspannung ein und veränderte sie ganz vorsichtig
um sofort mit der nächsten Riesenüberraschung konfrontiert zu
werden: Die Maschine entwickelte ein Eigenleben, sie reagierte nicht
mehr auf die durch mich angelegte Spannung! Der Strom stieg fast
rasend schnell auf Werte im Kiloamperebereich und auf dem Kommutator
baute sich eine imposante Funkenstrecke auf.
Das war die Stunde
des Mannes beim Gleichstromschütz: Auf meinen Zuruf entriegelte er
blitzschnell den Stromkreis und mit einem Donner unterbrach das
Schütz den Strom von einigen Tausend Ampere. Das lief deswegen so
glimpflich ab, weil die Dynamospannung gering war, aber ein paar
weitere Sekunden hätten für die Zerstörung erst des Kommutators
und dann der ganzen Maschine gereicht.
Ich atmete erst einmal
durch. Ein Fiasko dieses Unternehmens? Nein, denn dafür gab es noch
keine ausreichenden Ansätze. Eine Fehlbeschaltung?, Gut, das wollte
geprüft werden. Zum Glück verliefen sich alsbald alle
"Würdenträger", die den Moment der Inbetriebnahme
miterleben wollten. Ich konnte mit meinen Leuten in Ruhe alle
Einzelheiten der Beschaltung überprüfen und selbst noch einmal mit
meinen Gedanken zu Rate gehen. Ich pries im Stillen meine
Entscheidung für den Einbau einer Unterbrechungsmöglichkeit des
Hauptstromes, wäre doch sonst alles vorschnell und mit nicht
vorhersehbaren Konsequenzen zu Ende gewesen! Aber das behielt ich
natürlich für mich, dachte dafür umso intensiver über die
Fehlerursache nach.
Im Laufe des Tages starteten wir nach
verschiedenen Änderungen der provisorischen Generatorbeschaltung
noch einige Versuche, leider immer mit dem gleichen, negativen
Ergebnis. Zwar konnten wir jetzt die jeweilige Probe schneller, ohne
diesem Riesendonnereffekt beenden, doch das änderte leider nichts an
der Sache selbst. Bei diesen Proben brachte mich mein damaliger
Vorgesetzter auf die Palme: Selbst ohne Verständnis für die
Vorgänge (er war "Mechaniker"), stand er da im Wege, um
jedesmal beim ersten Funken auf dem Kommutator mit dem Finger darauf
zu weisen und dabei laut zu rufen: "Es funkt, es funkt schon
wieder!". Obwohl das jeder, auch ich - dessen ganze
Aufmerksamkeit in dieser Phase gerade auf den Kommutator gerichtet
war - selbst sehen konnte.
Am zweiten Tage waren wir immer noch
in der Sackgasse und ich hatte nichts dagegen, daß der Direktor nach
einem Sachverständigen verlangte, einem Spezialisten für große
Maschinen. Er kam aus dem Reparaturbetrieb, welcher in großen
Maschinen spezialisiert war, begutachtete die Maschinen, schaute in
seine Bücher und Notizen, überprüfte die Polaritäten der Pole,
ließ sich meine Meßanordnung erklären und startete noch einen
Versuch: mit vorhersehbarem Resultat. Dann packte er seine Sachen
zusammen und meinte, daß er hier leider nicht helfen könnte, es sei
halt eine alte Maschine...
Für mich war die Sache damit noch
nicht zu Ende, obwohl das Interesse der Würdenträger schon
abgeflaut und sie selbst verschwunden waren. Ich stand mit meinem
Vorarbeiter, dem eigentlichen "Erfinder" dieser Aktion,
einem älteren, erfahrenen, leicht korpulentem Mann in der Halle und
besprach unsere bisherigen Schritte. Auch der "Publikumszulauf"
hatte ein Ende gefunden und die Atmosphäre im Betrieb schien ein
Ende dieses Unternehmens anzudeuten.
Wir hatten die Maschine zwar
schon sehr gründlich auf eventuelle Beschädigungen und
Massenschlüsse untersucht, leider ohne weitere Anhaltspunkte.
"Sollten wir nicht auch mal die Maschine von unten beschauen?"
frug ich meinen Mann. "Das wurde schon gemacht" meinte er,
von dem und dem da. "Vielleicht doch noch mal Sie?" frug
ich ein zweites Mal. "In Ordnung" sagte der Mann und
zwängte sich unter das Standgerüst, dann die Maschine. Ich reichte
ihm die Lampe und er ächzte da unten rum. Dann sagte er: "Reichen
sie mir bitte die kurze Brechstange", denn vom Transport der
Maschinen lag noch einiges vom Werkzeug in der Halle. Und ich erfuhr
auch gleich, was der gute Mann da erspäht hatte. Eine der
fingerdicken Kupferschienen welche die einzelnen Pole der Maschine
miteinander verbanden war verbogen worden und hatte mit einer anderen
Schiene, obwohl isoliert, Kontakt aufgenommen, direkter gesagt den
Kurzschluß eines Poles verursacht. Auf den ersten Blick, wegen der
kleinen Abstände nicht sichtbar und der vorhandenen Isolierung wohl
als unwahrscheinlich angenommen worden.
Ein Abstand zwischen den
Schienen wurde wiederhergestellt und dann, im kleinsten Kreis ein
erneuter Versuch der Inbetriebnahme unternommen. Und was sagt die
Geschichte: Alles verlief normal, die Maschine zeigte keine negativen
Hochlauftendenzen!
Jetzt wurde es für mich wirkliche Routine,
mein Wissen aus dem Studium, meine Erfahrungen aus den Laboratorien
brachten uns schnell alle Meßergebnisse, welche ich für eine
Anpassung an die Regelkreise des Walzwerkes brauchte. Nach ein paar
weiteren Stunden in denen die notwendigen Verbindungen mit dem
Walzwerkantrieb hergestellt wurden, war es so weit: Der Meister
trommelte die jetzt andersweitig beschäftigte Brigade des Walzwerkes
zusammen und ich gab die erste Probe mit dem "neuen", alten
Hauptdynamo frei. Mit Herzklopfen.
Die einzelnen Antriebe des
Walzwerkes wurden getestet: Ohne Walzgut liefen die Maschinen
einwandfrei. Anlaufen lassen, Drehzahl varieren bis zur normalen
Arbeitsdrehzahl, runterfahren und gleich noch einmal. Alles für das
Walzwerk und die beiden Wickler.
Also die erste Rolle des
Dickblechs einfädeln, langsam durchziehen und aufwickeln. Lief in
Ordnung. Also alles in entgegengesetzter Richtung mit einer kleinen
Reckung. Lief auch. Also zurück und schneller. Als 50% der normalen
Betriebsbedingungen fehlerfrei erreicht wurden hatte ich ein gutes
Gefühl. Doch bei ungefähr 70% kam das Ende, die Koordination
zwischen dem Walzwerk und den Auf- und Abwicklern stimmte nicht mehr,
das Band riß. Ende für heute. Ich verließ das Werk mit der
Weisung, diese kritische Walzgeschwindigkeit während dieser und der
Nachtschicht nicht zu überschreiten. Dann ging ich in den schönen
Abend hinaus, müde, aber sehr zufrieden. Der Zug brachte mich zu
dieser späten Stunde sogar pünktlich nach Haus, was damals gar nicht
selbstverständlich war.
Ich weiß nicht mehr, ob ich diese
Nacht von elektrischen Maschinen träumte, aber morgens nach dem
Erwachen war mein erster Gedanke: läuft dort noch alles oder ging
etwas schief? Ich fuhr zur Arbeit und die ersten Schritte führten
mich natürlich direkt in die Werkhalle mit "meinem"
Walzwerk. Schon von weitem sah ich die Stapel der gewalzten Rollen,
ein Anblick den man in den letzten Wochen schon fast vergessen hatte.
Und ich sah nur freudige Gesichter, denn allen war mit dem
wiederaufgenommenem Betrieb des Walzwerkes gedient. Deswegen
verpuffte mein Ansinnen einer weiteren Abstimmung der Regelkreise für
eine bessere Anpassung der einzelnen Antriebe im Keime. Keine
Experimente; kein Stillstand - denn sichere 70% über drei Schichten
sind so kurz vor dem Jahresende immer noch ein Garant für den so
wichtigen Jahresplan, so die Leitung des Betriebes.
Ich gab mich
damit zufrieden. Denn konnte ich die doch systemfremde Maschine in
die ziemlich komplizierte Regelanlage wirklich noch besser einpassen?
Die Stellungsnahme der Betriebsleitung kam da meinen
unausgesprochenen Bedenken entgegen!
Nun, dann gab es noch
einen Ausklang und eine Pointe. Der Direktor war so zufrieden, daß
er alle Beteiligten mit einer Prämie beglücken wollte. Ob es ihm
gelungen ist weiß ich nicht, obwohl ich eigentlich zufrieden sein
konnte. Für mich war es nämlich ein knappes Monatsgehalt, 1700 zl.
Für meinen Vorgesetzten, dem mit dem Zeigefinger, waren es immerhin
noch 1500 zl (trotzdem sein Verdienst um die Ersatzmaschinen
praktisch bei Null lag), der nächsthöchste Betrag ging an meinen
Vorarbeiter und die restlichen Zuwendungen, schon Kleckerbeträge, an
den Rest der mit diesem Unternehmen beschäftigten Mitarbeiter.
Ja,
und die Pointe? Sie wurde für mich zur größten Genugtuung meines
bisherigen Berufslebens und zur Bestätigung meines Beitrages zum
normalen Funktionieren eines großen Industriebetriebes, eines
selbstständigen Beitrages, schon kurz nach dem Verlassen der
Hochschule.
Wie das? Einfach: Als ich einige gute Jahre später,
im Zusammenhang mit meiner nächsten Anstellung im Brancheninstitut,
meinem ehemaligen Arbeitsplatz in Labend einen Besuch abstattete,
fand ich dort alte Bekannte. In der Maschinenhalle des besprochenen
Walzwerkes arbeitete schon wieder der originale Generator, welcher
nach fast zweijähriger Reparatur an seinen Platz zurückgekehrt war.
Aber daneben, unter einer Abdeckung aus Holz und Pappe (weil es an
dieser Stelle hin und wieder einregnete) standen die beiden uns schon
bekannten Maschinen samt Anlasser.
"Ja, was machen die denn
noch hier?" war meine impulsive Frage worauf prompt die doch so
selbstverständliche Antwort folgte: "Es könnte doch sein, daß
der Generator wieder ausfällt..."
Vorab eine Erklärung. Ein Institut in der
damaligen Volksrepublik war ein angesehenes (natürlich staatliches)
Unternehmen, welches sich wissenschaftlicher Aufgaben, die den
Bedürfnissen einzelner Industriezweige entsprangen, annahm. Es waren
sogenannte Brancheninstitute, deren Anzahl im damaligen Polen
überschaubar blieb. Auch die Nichteisenmetallindustrie hatte ein
solches Institut, mit dem ich durch meine bisherige Arbeit in Laband
schon zusammengekommen war. Das Institut war in Gleiwitz beheimatet,
zusammen mit einem verwandten Brancheninstitut "wohnte" es
in zentraler Lage in Gleiwitz in einem eigenen Gebäudekomplex mit
Industriehallen und Werkstätten.
Durch Mitwirken des schon
bekannten Ing. Czaplicki befand ich mich 1962 mit einer dienstlichen
Versetzung in diesem Institut wieder. Im Betrieb für
Automatisierungsaufgaben sollte ich jetzt mein Brot verdienen. Die
ersten Monate als gewöhnlicher Angestellter, dann schon Adjunkt und
später Abteilungsleiter. Aber das ist eigentlich zweitrangig, denn
erzählen wollte ich über meine Arbeit.
Anfangs war ich voll
Enthusiasmus - begeistert über die Möglichkeiten der Mitarbeit in
einem wissenschaftlichen Institut. Ich hatte auch gleich eine Aufgabe
nach Maß: Die Möglichkeit der Automatisierung eines Duo-Walzwerkes
sollte untersucht und eine Lösung vorgeschlagen werden. Ich stürzte
mich in die Arbeit, suchte nach Vorbildern (einiges hatte ich noch
aus meiner Diplomarbeit) und versuchte mir vor allen Dingen einen
Überblick und die Kenntnis über die z. Zt. in Polen erhältlichen
Halbleiterelemente zu verschaffen. Denn eins stand fest: Die
angestrebte Lösung sollte entsprechend zeitgemäß und aus in Polen
erhältlichen Bauteilen gefertigt sein. Es war zwar die Zeit der
digitalen Technik, doch diese hatte vor allem im Westen geschlagen.
Dort wurden schon die ersten logischen Funktionen in einem Element
integriert, während man in Polen gerade dabei war, solche Elemente
aus diskreten Bauteilen polnischer Produktion in einem Gehäuse
unterzubringen. Theoretisch konnte man dann beliebige Steuerungs-
oder Regeleinheiten aus diesen Elementen zusammenstellen.
Dieses
Ziel verfolgte ich mit viel Aufopferung und noch mehr Ideen im
Hinterkopf. Wie ich schon sagte: "...konnte man theoretisch"
- denn die interessanten, theoretischen Lösungen für Steueraufgaben
funktionierten zwar prinzipiell im Versuchsaufbau, doch versagten sie
auf ganzer Linie bei längerer Arbeit. Unwiderruflich kam es dann zu
Fehlfunktionen durch den Ausfall einzelner Elemente oder durch äußere
Störeinflüsse. Jedenfalls war es kein gutes Omen für eine
eventuelle Einführung solch einer Lösung in Industrieverhältnisse.
So kam es zwar zu einer schönen "wissenschaftlichen"
Arbeit über die Automatisierungsmöglichkeiten dieses Walzwerkes,
dargestellt auf vielen gedruckten Seiten, einer ganz seriösen
Abnahme der Arbeit durch eine Kommission aus Vertretern des Betriebes
und des Institutes, aber gleichzeitig nur zu einem einstimmigen
Beschluß dieser Kommission, daß die Perspektiven einer solchen
Lösung interessant sind aber diese praktischerweise erst irgendwann
in der Zukunft realisiert werden sollte.
Im Klartext: Die Arbeit,
schön abgeheftet, gelangte letztendlich auf ein Regal im Archiv und
dokumentierte, wie viele andere schon vor ihr und - wie ich es später
noch erfahren sollte - fast alle nach ihr, den Arbeitswillen und die
Kreativität der Institutsmitarbeiter, gleichzeitig aber den Unwillen
der Betriebe solche mit eventuellen Problemen oder Schwierigkeiten
verbundene Neuerungen in die Praxis zu überführen.
Nun, ich
möchte hier nicht alle Titel der damals aktuellen Arbeiten
auflisten, sondern mich auf verschiedene andere Aspekte meiner
Institutsarbeit beschränken.
Denn nicht nur Arbeiten fürs
Archiv wurden gefertigt, sondern jeder der Mitarbeiter war bemüht,
sein Einkommen möglichst positiv zu gestalten. Ich hatte meine
"Einführungszeit" gut überstanden, die erste Treppe in
der Institutshierarchie erklommen, nämlich den Titel des
"wissenschaftlichen Adjunkten" erhalten und war ein gern
gesehenes Mitglied in Arbeitsgruppen, die sich (nominell) außerhalb
der Dienstzeiten mit Aufträgen der Industrie befaßten.
Zur
damaligen Zeit verfügten die Betriebe über einen speziellen Fonds,
aus dem auf dem Markt nicht erhältliche Leistungen direkt finanziert
werden konnten. Da der Markt viele Lücken aufwies, das Institut aber
über Material, Maschinen und entsprechende Menschen verfügte, war
es ein gesuchter Ansprechspartner wenn es um die Herstellung kleiner
Serien von Apparaten, Meßinstrumenten oder anderen Geräten ging.
Über diesen Weg konnte ein motivierter (und geschätzter)
Mitarbeiter sein Gehalt um 30, 40 oder 50% aufstocken. "Geschätzter"
deswegen, weil er nur dann den richtigen Anschluß an eine
Arbeitsgruppe fand - und "geschätzt" wurde, wenn er die
notwendigen Kenntnisse besaß und bei anderer Gelegenheit auch andere
Mitarbeiter in seine Gruppe holte. Jedenfalls war die ganze
Angelegenheit ein wichtiges Argument für die Arbeit im Institut
überhaupt.
Und es gab noch eine zweite Möglichkeit eines
legalen Zuverdienstes. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter hatte man
ein Anrecht auf eine Freistellung für Lehrzwecke, (wohl) bis zu 8
Stunden wöchentlich. Ich machte davon Gebrauch, und verdiente in dem
unweit gelegenen Technikum weitere paar hundert Zloty monatlich.
Und dann waren noch die Nachhilfestunden, welche meine Einkünfte auch aufbesserten.
So
pendelte sich mein Verdienst in den sechziger Jahren zwischen drei-
und viertausend Zloty ein.
Geld war natürlich eine Sache,
doch wollte ich damals gern auch noch meine Qualifikationen
verbessern. Nichts lag näher, als sich um ein entsprechendes
Praktikum bei einer renommierten Firma im Ausland zu bewerben. Ich
hatte gute Aussichten auf einen Platz bei der schweizer BBC. Doch es
kam anders. Nicht genug, daß mir als Einheimischem (unterschwellig:
Deutschem) für die Genehmigung einer Auslandsreise schon eine
bestimmte Hürde bevorstand, gelangte zu jener Zeit eine Denunziation
in die obere Etage des Instituts: Meine Kinder (3 und 1 Jahr alt)
werden in deutscher Sprache erzogen!
Darauf folgende Gespräche
mit dem Parteisekretär und meinem wissenschaftlichen Direktor
zerstörten meine Illusion einer Reise gen Westen endgültig. Leider.
Neben der seriösen Arbeit, dem Ärger ob solcher
Rückschläge, gab es immer wieder auch Episoden an die man sich gern
erinnert. So verschiedene Erlebnisse mit meinem "Zögling",
Edward D., der als junger Absolvent einer DDR-Hochschule ins Institut
und unter meine Fittiche kam. Eine kleine Spracherfahrung in der DDR
sorgte nicht nur bei mir für ein Schmunzeln. Deutsch hatte er erst
in Karl-Marx-Stadt gelernt und war überrascht, wie offen angeblich
die DDR-Bürger über ihre, von vielen sowjetischen Einheiten
bevölkerten Stadt, sprachen: Da hörte er immer wieder, daß es eine
ganz verußte Stadt ist, in welcher sie leben mußten... Der
Unterschied zwischen Ruß und Russe wurde ihm erst viel später
bewußt.
Oder ein anderes Begebnis, welches für seine
Rührigkeit und Unternehmungslust sprach. Da kam er irgendwie mit den
Problemen einer Großwäscherei zusammen (wo die verschiedenen
Schritte damals noch weitestgehend durch Handarbeit erledigt wurden).
Er vertrat die Meinung, man könnte die Arbeit doch deutlich mehr
mechanisieren, sogar automatisieren. Und das war letztendlich unsere
Domäne! Also überzeugte er mich der Stadtverwaltung ein
entsprechendes "Rationalisierungsprojekt" zu unterbreiten,
bei dessen Annahme auch wieder Geld winken würde. Wir machten uns an
die Arbeit, entwarfen, konstruierten und schrieben Texte, der
endgültige Effekt blieb trotz seines Unternehmungsgeistes leider aus
...
Nicht so wie sein Einfall in Breslau. Wo wir eine Arbeit
realisierten: Der bisher handgesteuerte Prozeß des Stranggießens
von verschiedenen Buntmetallen in der dortigen Hütte sollte
automatisiert werden. Deswegen waren wir hier des öfteren zu Gast.
Erst um den Prozeß zu beobachten, später um unsere Vorstellungen zu
diskutieren und noch später um einen Prototypen zu untersuchen.
Bei
diesen Gelegenheiten trieb uns unsere angeborene Neugier natürlich
auch in andere Abteilungen des großen Betriebes und da entdeckten
wir das Schrottlager! Aluminium, Kupfer, Messing und ähnliches in
allen vorstellbaren Formen und Größen! Bleche, Rohre, Winkel usw.
Material für den Heimwerker, im Haushalt bei Reparaturen - sogar im
Institut bei der Herstellung von Mustern oder Prototypen - von
unmeßbarem Wert, weil im Handel nicht erhältlich.
Die richtige
Idee war schnell da und bei den folgenden Besuchen hatten wir immer
eine große, solide Aktentasche mit. Natürlich wurde so eine Tasche
beim Verlassen des Betriebes geöffnet um eventuellen Diebstählen
vorzubeugen. Dafür waren die Pförtnerlogen ziemlich ausgebaut und
immer von ein paar Personen besetzt: Dem Pförtner, den Angehörigen
des Werkschutzes (bewaffnet!) und Schreibkräften welche unter
anderem für die Passierscheine verantwortlich waren. Die räumlichen
Gegebenheiten waren in einen inneren Teil (vom Werk zugängig) und
den äußeren Teil, für anstehende Besucher, aufgeteilt.
So
brachten wir im Laufe des Arbeitstages unsere (gewöhnlich schwere)
Tasche zum Pförtner mit der Bitte, sie doch hier lassen zu dürfen,
weil sie uns bei der Bewegung im Betrieb hinderlich ist. Das wurde
anstandslos gewährt und die Tasche in einem offenen Regal, für alle
sichtbar, plaziert. Dann begaben wir uns zurück zur Arbeit um wenig
später den Betrieb über einen anderen Ausgang zu verlassen. Noch
etwas später, gewöhnlich zum Schichtwechsel - also bei größerem
Betrieb - meldeten wir uns, diesmal als Besucher von außen, in der
Pförtnerloge und baten einen der gerade Anwesenden hinter dem Tresen
um unsere Tasche: "Die da, die haben wir hier kurz hinterlegt".
Und sie wurde uns natürlich anstandslos ausgehändigt!
Die
Realitäten des Institutsalltages waren prosaischer. Nach den paar
Jahren im Institut und der Bewertung der geleisteten Arbeit, derer
Effekte, stellte sich unausweichbar eine Ernüchterung ein. Dazu kam
der Umzug nach Beuthen, die Trennung von der Basis: den Werkstätten,
der Bibliothek und den anderen Abteilungen. Nämlich wegen Querelen
mit anderen "Mitnutzern" der Räumlichkeiten in Gleiwitz
war das Institut gezwungen, einige Abteilungen in leer stehende
Büroräume in Beuthen umzuquartieren. So auch den
Automatisierungsbetrieb in dem ich inzwischen schon zum Gruppenleiter
aufgestiegen war.
Die Arbeit dort wurde noch eintöniger und
aussichtsloser. Um wegen dem Fehlen von fordernden Arbeiten die Zeit
zwischen Frühstückstee und Mittagsbrot zu überstehen, befaßten
wir uns mit "Forschungsarbeiten". Ich persönlich suchte
meine fehlenden Elektronikerfahrungen mit dem Werkeln bei
grundlegenden Schaltungen, wie z.B. Spannungsreglern und Verstärkern,
mit im Institut (und Polen) zugänglichen Bauteilen zu vertiefen.
Das waren natürlich nur Ersatzhandlungen ohne Perspektiven. So
wie viele andere Leute auch, suchte ich nach einem neuen, besseren
Wirkungsfeld. So kam mir der Vorschlag eines ehemaligen, älteren
Mitarbeiters, Ing. Zembala sehr gelegen, mich doch beim Leiter eines
Hochschulbetriebes vorzustellen: ich würde dort gebraucht!
So
kam es dann auch zu meiner vorab Teilzeitbeschäftigung im
Schlesischen Polytechnikum, später zur normalen Ganztagsanstellung
im Betrieb für Elektronik und Feinmechanik eben dieser Hochschule.
Doch das sind schon zwei weitere Geschichten.
Es war ein Start auf Raten. Die Vermittlung von
Ing. A. Zembala brachte mich zwar in die Versuchsanstalt für
Elektronik und Feinmechanik des Schlesischen Polytechnikums, aber
vorerst nur in Halbtagsanstellung auf einer fiktiven Position. Mein
Hauptarbeitgeber blieb das Institut, jetzt schon in Beuthen/Bytom.
So war es eigentlich auch geplant, denn das durch mich damals
notgedrungen verfolgte Ziel hieß: Geld verdienen - der Trabi und
auch die Familie brauchten einiges. Die genaueren Umstände meines
damaligen Arbeitsplatzwechsels und die erste Arbeitsperiode an der
Hochschule beschrieb ich an anderer
Stelle.
Doch irgendwann, nämlich nach einigen Monaten,
mußte ich mich entscheiden, meine Arbeit im Institut aufgeben und
mich jetzt wieder normalen, nämlich Ganztagsaufgaben in der
Versuchsanstalt für Elektronik und Feinmechanik des Schlesischen
Polytechnikums stellen. Als Leiter der Elektronikabteilung hatte ich
an meiner Seite einen in der Praxis gut bewanderten Meister, Andrzej
Mehlis, welcher mir den Krimskrams um Arbeitseinteilung, Verrechnung
der Arbeitszeiten und Materialbeschaffung weitestgehend abnahm. Doch
dafür erwartete man von mir vieles anderes. 20 bis 30 Mitarbeiter,
darunter auch immer einige Ingenieure, mußten so geführt werden,
daß es letztendlich der Produktion diente und auch der Fortschritt
nicht zu kurz kam. Das bedeutete immer wieder Entwicklungsarbeiten.
Entwicklung verschiedener Produkte im Haus und in Zusammenarbeit mit
Personen oder Instituten der Hochschule. Und - was eigentlich fast
noch wichtiger war: die Entwicklung von in der Fertigung anwendbaren
Prüfmethoden für die laufende Produktion oder auch für einmalige
Projekte. Denn in diesem Betrieb, einem Hochschulbetrieb konnte man
noch nach Qualität streben. Produktionspläne wurden nur intern
erstellt - die in normalen Produktionsbetrieben geltenden Planregeln
kannte man hier praktisch nur vom Hörensagen und bei Engpässen gab
es immer Ausweichmöglichkeiten.
In der Produktpalette des
Betriebes waren (meistens) kurze Serien vielseitiger Natur:
Meßapparatur, Präzisionswiderstände, Normalelemente, Galvanometer,
Schreiber, Analogrechner und Einzelanfertigungen für die
Hochschule..
Für die allermeisten Produkte war der Betrieb der
einzige Hersteller in Polen. Es war ein spezialisierter
Traditionsbetrieb, obwohl in Gleiwitz erst mit der Hochschule selbst
ins Leben berufen, basierte er auf der Erfahrung alter Mitarbeiter
der ehemaligen polnischen Hochschule in Lemberg/Lwow, welche 1945 den
Grundstock an Lehrkräften und Mitarbeitern für die neue Gleiwitzer
Hochschule stellte. So entstand der Betrieb anfangs nur als
Reparaturbetrieb für optische und feinmechanische Geräte,
entwickelte sich im Laufe der Jahre, dank seiner Führungskräfte -
maßgeblich z.B. Josef Wajchenig - bis zum Ende der sechziger Jahre
zu einem Vorzeigeproduktionsbetrieb für viele, in Polen einmalige
Produkte. Dann kam es zwar anders, doch davon später.
Bei
meinem Arbeitsanfang lief gerade das (sich später zu einem
Schwerpunkt unserer Arbeit entwickelnde) Projekt für einen
Analogrechner an. Ein primitiver Prototyp, eigentlich nur eine
Funktionsprobe wie auch ein schon weiteres Modell standen schon in
der elektrischen Fakultät der Hochschule. Wir hatten uns ein
modulares, größeres und vielseitigeres Gerät zur Aufgabe gemacht.
Es wurde eine interessante Arbeit mit sehr vielen Facetten - denn
fast alles war Neuland. MA-48 hieß der Rechner, welcher später in
kleinen Serien gefertigt wurde. 48 deswegen, weil er neben
verschiedenen anderen nichtlinearen Funktionseinheiten über eben so
viele Operationsverstärker, damals ausschließlich in Röhrentechnik,
verfügte. Der ganze Rechner war schon seiner Größe wegen eine
imposante Erscheinung, aber sein Energieverbrauch war es auch. Sechs
Lüfter an der Rückwand hatten etwas zu tun. Und die Vorderseite
zierte ein großes Operationsfeld, auf dem man die notwendigen
Verbindungen mit bis zu einigen hundert (bunten) Leitungen
herstellte. Die Verdrahtung war immer eine aufwendige Angelegenheit,
deswegen gab es auswechselbare Oberteile die man (schon verdrahtet)
ins Operationsfeld einführen konnte.
Es war eine imposante
Aufgabe, welche mich vielseitig forderte: Von der Planung, über die
Konstruktion einzelner Module bis zur mechanischen Koordination und
dann Produktionsorganisation für die ganze Maschine. Und fast
nebenbei der Entwurf einer Serie von Apparaten und Schaltungen zur
effektiven Kontrolle der hergestellten Module und der ganzen
Maschine. Nicht zuletzt forderten mich auch die vielen Kontakte mit
Hochschulen und Instituten, welche an diesen Rechnern interessiert
waren. Am Anfang waren es auch noch Einweisungen die mich
absorbierten. Doch im Laufe der Zeit hatte ich schon so
eingearbeitete Mitarbeiter, daß ich mich aus vielen Aufgaben
zurückziehen konnte. Es sollte nicht vergessen werden, daß doch
parallel auch die Arbeiten an der Herz-Lungenmaschine
liefen, für welche ich über all die Jahre der
Hauptansprechpartner blieb.
Eine andere Aufgabe wurde ein auf
der Basis der MA-48 gebaute Lüftungsrechner für den Bergbau. Von
den Aufgaben her sollte er schnelle Hilfe für Entscheidungen bei
unvorhergesehen Vorfällen auf einer Grube leisten. Vorprogrammierte
Operationsfelder für verschiedene Lüftungsabschnitte oder ganze
Gruben waren vorgesehen. Sie ermöglichten berechenbare
Gegenmaßnahmen z.B. bei einem Grubenbrand. Dieses Ziel war mit
konventionellen Mitteln wegen des sehr komplexen Aufbaues eines
Lüftungssystems mit manchmal Hunderten von parallel und
hintereinander verlaufenden Streckenabschnitten, mit
unterschiedlichen Widerständen und eingebauten Regeleinrichtungen
schwierig oder überhaupt nicht erreichbar.
Obwohl er später
nicht in Serie ging und in der Bergbaufakultät der Hochschule
verblieb, blieb die Entwicklung und der Bau des Prototypen ein
interessantes Problemfeld jener Jahre.
Dann gab es für mich
noch die gern beiseite geschobenen Probleme um meine Abstammung.
Einerseits war ich eine bekannte und fachlich geschätzte
Persönlichkeit, anderseits hatte ich es immer wieder mit
Benachteiligungen bei den verschiedensten Gelegenheiten zu tun. Ganz
krass trat dieser Umstand zu Tage, als der Leiter des Betriebes,
Josef Wajchenig, seinen Abschied einreichte. Ich war zu jener Zeit
mit ihm schon durch ein gutes, freundschaftliches Verhältnis
verbunden, war des öfteren seine rechte Hand und vertrat ihn
regelmäßig während seiner Abwesenheit. So nahm ich es auch als
ganz natürlich auf, daß wir über seine Nachfolge im Betrieb einer
Meinung waren. Doch dann kam die kalte Dusche für uns von ganz oben:
Der Rektor (oder wer auch immer dahinter steckte) erteilte dem
Ansinnen meines bisherigen Chefs eine Abfuhr: Ein Autochtone, dazu
noch ohne Parteibuch - eine Unmöglichkeit für einen angesehenen
Betrieb von dieser Wichtigkeit!
Ich habe mich schnell darüber
hinweggetröstet; gedachte ich doch einfach in absehbarer Zukunft die
nötigen Schlüsse zu ziehen. Umso mehr, als die Verhältnisse und
das Klima im Betrieb sich mit dem Antritt des neuen Leiters - einer
technischen Null, dafür mit einem angesehenen Parteibuch - sich
drastisch verschlechterten. Da half auch der neu geschaffene Posten
eines Technischen Direktors wenig - obwohl dieser zur Abwechslung
neben dem Parteibuch den Titel eines Doktors im technischen Bereich
führte.
Falsch, etwas änderte sich: Vor unserem Gebäudekomplex
wurde eine Fontäne errichtet. Und irgendwann, auf Betreiben der
neuen Führung stand auch der Besuch des zweitmächtigsten Mannes in
Polen, des Parteisekretärs der Woiwodschaft Katowice ins Haus.
Jedoch das änderte nichts an der Stagnation des Fortschritts in
unserem Betrieb und hatte keine weitergehenden Folgen auf die
Kreativität des bis dahin so geschätzten Betriebes. Neues kam
praktisch nicht hinzu und ich hatte fast jegliche Lust an der Arbeit
verloren.
Deswegen war ich des öfteren Gast im
Kardiochirurgischen Institut der Medizinischen Akademie in
Hindenburg/Zabrze und dessen Leiter, Prof. Tadeusz Paliwoda. Obwohl
diese Visiten früher als ganz selbstverständlich galten und ich
praktisch jede Operation mit unserer Maschine vor Ort begleitete (ich
sah sie immer noch als verbesserungswürdig an), wurden meine
diesbezüglichen Aktivitäten im Betrieb: Nachbesserungen und
Ersatzteile, von unserem neuen Direktor immer argwöhnischer
beobachtet. Und meine Besuche in der Klinik zum Dorn im Auge.
So
kam es auch, daß ich über dieses - über vorherige Jahre nicht
existente - Problem mit Prof. Paliwoda sprach. Er meinte darauf: "Das
regeln wir schon" und dachte wahrscheinlich, daß er mit seiner
Autorität und einer persönlichen Vorsprache beim Direktor die ganze
Angelegenheit unserer Zusammenarbeit wieder in die alten Bahnen
lenken kann.
So besuchte er mich eines Tages im Betrieb. Er, der
Leiter einer in ganz Polen bekannten Klinik, ein hochangesehener
Mediziner, intelligent und ein gesellschaftliches Vorbild (was sich
u.a. in seiner Kleidung niederschlug; er trug z.B. immer eine
Fliege), nahm sich die Zeit und kam extra zu uns nach Gleiwitz
gefahren, um ein Gespräch über die weitere Zusammenarbeit zu
führen, speziell auch eine "Ausgangsgenehmigung" für mich
zu einer am nächsten Tag anstehenden, wichtigeren Operation zu
erwirken.
Doch hier hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Telefonisch erfuhr ich, daß der Direktor keine Zeit für ein
Gespräch hätte. Es war mir sehr peinlich, diese Nachricht dem
Professor zu übermitteln - aber noch peinlicher wurde es, als ich
den Professor 15 Minuten später zum Ausgang begleitete und wir auf
der Treppe unseren Direktor trafen. Gezwungenerweise stellte ich die
Herren einander vor und erlebte ein Gespräch, wie es beschämender
nicht hätte sein können: Der Professor, nach den vorausgegangenen
Momenten eigentlich schon über das Klima informiert, traf jetzt auf
einen Menschen, dem die Primitivität ins Gesicht geschrieben und
sein Verhalten dem adäquat war. Das Gespräch, währenddessen der
Direktor irgendwo in die Gegend starrte, wurde weiterhin auf der
Treppe geführt. Nun, mein Begleiter hatte die Situation schnell
durchschaut und sprach kurzentschlossen die Bitte um meine
Beurlaubung für den nächsten Tag aus, wobei er meine Anwesenheit
mit bestimmten, bei der Operation zu erwartenden Komplikationen
begründete. Worauf der Direktor etwas unzusammenhängendes über
Arbeit, von einer Planerfüllung hier im Betrieb, nicht in der Klinik
sprach. Um der Peinlichkeit womöglich ein Ende zu bereiten, mischte
ich mich ein und erklärte, daß ich mir meine Arbeit hier vor Ort
bisher immer so organisieren konnte, daß auch keine Beanstandungen
nach dem morgigen Tag zu erwarten wären und er wohl nichts dagegen
einzuwenden hätte, wenn einem Menschen in der Klinik geholfen werden
kann. Daraufhin gab er mürrisch seine Zustimmung, jedoch nicht ohne
noch eine Warnung in meiner Richtung auszusprechen. Nach einer
steifen Verabschiedung begleitete ich den Professor zum Wagen, den er
kopfschüttelnd bestieg.
Die Operation am nächsten Tag verlief
gut.
Die Atmosphäre im Betrieb wurde immer unerträglicher.
Nicht nur die dilettantische Gesichtsweise unseres Direktors in
vielen technischen oder betrieblichen Entscheidungen machte mir zu
schaffen, sondern auch seine fast offen demonstrierte Ablehnung
meiner Person im Zusammenhang mit meiner Abstammung. Das kam bei
einigen Gelegenheiten zu Tage, so z.B. bei einer Entscheidung über
einen Auslandsaufenthalt.
Ich will hier den ganzen,
unappetitlichen Themenkomplex übergehen denn der Tag, an dem ich
Abschied vom Schlesischen Polytechnikum nahm, sollte überraschend
schnell kommen. Mir blieb in den letzten Tagen gerade Zeit für die
Regelung der offenen Angelegenheiten und ein kleines, gemütliches
Abschiedstreffen bei Kaffee und Kuchen mit allen meinen
Mitarbeitern. Diese sahen jetzt einer etwas düstereren Zukunft
entgegen.
Eine neue
Arbeitsstelle, außerhalb des polytechnischen Betriebes, schien schon
seit einiger Zeit der für mich einzige Ausweg. Die
Arbeitsverhältnisse hatten sich so verschlechtert, daß an eine
gute, fruchtbare Arbeit nicht mehr zu denken war. Trotzdem kam der
Anruf meines ehemaligen Zöglings aus dem Institut etwas plötzlich:
"Horch mal, ich bin jetzt in Hindenburg. Hier entsteht ein
Zentrum für Medizintechnik. Wir brauchen einen technischen Direktor.
Das wäre doch was für Dich? - Ja, gut. - Ich schick Dir also einen
Wagen, habe uns schon zu einem Gespräch beim Direktor angemeldet".
Und: "Erschrick nicht, es ist ein Notarztwagen, die werden hier
ausgestattet, du machst also gleich eine Probefahrt."
Edward
hatte nämlich in der Zwischenzeit, über die offizielle Schiene,
seine Karriere gemacht und war z. Zt. Direktor für administrative
Angelegenheiten in einem sich gerade etablierenden Betrieb für
Medizintechnik in Hindenburg/Zabrze.
Ich war zwar doch
überrascht, als nach kaum einer halben Stunde der Notarztwagen unten
vorfuhr, doch zur Ausfahrt war ich bereit. Eine weitere halbe Stunde
später war ich in Hindenburg und zusammen mit Edek beim Direktor
Kaniut. Jetzt erfuhr ich auch die ganze Geschichte. Direktor Kaniut,
als Organisator dieses neuen Betriebes wollte jetzt, nach der
Überschreitung einer bestimmten Betriebsgröße, die technischen
Probleme der Produktion von jemandem anderen erledigt wissen. Die
Unterhaltung verlief sehr positiv und gipfelte in der Festlegung
eines Termins für meinen Besuch in Warschau, beim zuständigen
Direktor der Industrievereinigung OMEL, welcher meine Kandidatur zu
akzeptieren hatte. Um es kurz zu machen, auch dort verlief alles nach
Plan. Mein Gehalt, meine Ablösung bei der Hochschule wurden zu
meiner Zufriedenheit geklärt und ich befand mich mit dem Status
einer dienstlichen Versetzung am nächsten Monatsersten in
Hindenburg.
Die ersten Tage vergingen schnell, ich hatte die
Möglichkeit "Land und Leute" kennenzulernen, mich in die
Gegebenheiten des noch an verschiedenen Stellen einer stillgelegten
Keramikfabrik untergebrachten Betriebes einzuleben. Doch schon nach
einigen Tagen wurde ich etwas stutzig, als meine Nominierungsurkunde
noch nicht eingetroffen war. Jedoch nach drei Wochen wußte ich schon
warum es so war. Direktor Kaniut hatte mich zu einem Gespräch
gebeten und wirkte ziemlich zerstreut, als er über meine Funktion zu
sprechen anfing. Doch dann kam es ganz plötzlich: "Es tut mir
wirklich leid ihnen das sagen zu müssen - aber leider wurde ihre
Kandidatur zum Technischen Direktor unseres Betriebes vom städtischen
Parteikomitee nicht akzeptiert". (Zu jenen Zeiten mußten alle
leitenden Positionen von der Partei bestätigt werden). Dann kamen
noch einige Floskeln und der Vorschlag, die Sache doch so
hinzunehmen, weil sich für mich wenig ändern würde. "Wir
brauchen sie und deswegen nennen wir sie einfach Hauptspezialist für
Medizintechnik, wobei sie die Entwicklungsabteilung leiten und andere
spezielle Aufgaben wahrnehmen werden. Das Gehalt bliebe so wie
vereinbart" erklärte der Direktor. Das Letztere war für mich
wohl das gewichtigste Argument bei meiner zu treffenden Entscheidung
und ich stimmte dem Vorschlag ohne weiterem Zaudern zu. Wir einigten
uns noch am gleichen Tag über die Einzelheiten meines zukünftigen
Daseins im Betrieb. Meinen Ehrgeiz hatte ich also zur Seite gestellt
und war nach weiteren Überlegungen mit meinem Los garnicht so
unzufrieden.
Und um ehrlich zu sein, war das alles für mich
eigentlich nur von Vorteil: Weniger Verantwortung, weniger Nerven und
eine, wie es sich noch herausstellen sollte, abwechslungsreiche und
mit interessanten Aufgaben verbundene Arbeit.
So viel zum
Iststand. Mich jedoch verfolgte in den nächsten Tagen trotzdem die
Frage nach dem Warum. Was war der Grund für die negative Beurteilung
meiner Kandidatur? Nun, ich sah eine Möglichkeit dies zu erfahren,
nämlich über Edek. Und er konnte das wirklich aufklären. Über
seine Kontakte im Woiwodschaftskomitee der Partei konnte er etwas
über den Inhalt meiner Personalakte in der Hindenburger Partei
erfahren. Das Hauptstück bildete die vertrauliche Auskunft meines
ehemaligen Direktors aus Gleiwitz. Stil und Inhalt des Dokumentes
stimmten mit dem Bild, das ich mir von ihm während unser
Zusammenarbeit gemacht habe, voll überein. Übergangslos eröffnete
er sein Pamphlet mit Worten über meine deutschen Sprachkenntnisse
und meine Herkunft, um dann den Rest der weiteren Verfehlungen als
Autochtone zu beschreiben. Dabei brachte er auch die Erziehung
unserer Kinder in deutscher Sprache - ein fast fundamentales
Verbrechen in der VRP - zur Geltung.
Womöglich hatte dem
damaligen Parteisekretär schon der erste Satz genügt (er war,
delikat formuliert, kein Freund des Deutschtums in Oberschlesien), um
eine für mich negative Stellungsnahme zu provozieren. Nun, wie schon
gesagt, es war für mich kein Beinbruch und - seitdem ich diesen
Tatbestand kannte - auch keine psychische Belastung mehr.
Bald
gab es im Betrieb für mich auch eine Sonderaufgabe: Das
halbautomatische Dialysegerät, unser Kind aus dem Polytechnikum
hatte mich eingeholt. Die Entscheidung für die Herstellung der
nächsten drei Prototypen war gefallen. Es gab eine Menge Arbeit mit
einigen Verbesserungen, der Anpassung an Produktionsmöglichkeiten,
der Dokumentationserstellung, der Materialbeschaffung und dann der
Erstellung der Pilotexemplare. Denn die mußten zu den Prüfungen in
andere Institute und Kliniken. Für diese Arbeiten war eine junge
Mannschaft zuständig - und ich mittendrin in all den Problemen. Und
es blieben nicht nur Probleme technischer Natur: Einsprüche der
Prototypenmitersteller aus dem Polytechnikum gegen durch mich
eingebrachte Neuerungen, Querelen mit einem Entwicklungsinstitut der
Industrievereinigung welches sich zurückgesetzt fühlte,
Terminprobleme bei der Materialbeschaffung und Querschüsse einiger
Spezialisten aus der Ärzteschaft, welche die Konstruktion aus
diesen oder jenen Gründen verneinten - es gab immer etwas, womit man
sich sofort beschäftigen mußte.
Ich war sehr viel unterwegs um
all die Angelegenheiten zu koordinieren. Dann, als die Pilotexemplare
standen und alle internen Prüfungen hinter sich hatten, ging es mit
meinen Dienstreisen munter weiter. Man mußte in den Kliniken, denen
die Geräte übergeben wurden, schon offene Augen haben, um sich
nicht durch Dummheit oder Antipathie des Personals eine negative
Beurteilung einzuheimsen. Bei solchen Gelegenheiten gab es auch schon
durchwachte Nächte bei den arbeitenden Geräten.
Um es kurz zu
machen: Das Dialysegerät begleitete mich bis zum Ende meiner Arbeit
in Hindenburg - mehr noch, diese Problematik wurde einer der Gründe
für meinen nächsten Arbeitsplatzwechsel. Mehr Einzelheiten dazu
sind hier zu finden.
Das Dialysegerät war also die eine
Seite meiner Aufgaben, eigentlich die arbeitsintensivere. Dafür
waren die andern Pflichten gewöhnlich kurzweiliger und angenehmer.
Davon werde ich jetzt einiges erzählen.
Doch vorab muß ich noch
ein Ereignis erwähnen, welches im nachhinein viel dazu beitrug, daß
ich das Geschilderte überhaupt erleben konnte. Es fing wieder mit
einem Gespräch beim Direktor Kaniut an und begann in einer
Atmosphäre, welche mich an das Wochen früher geführte
"Abstellungsgespräch" erinnerte. "Ich müßte
Verständnis dafür aufbringen, daß er doch wirklich jemanden
braucht, welcher den Betrieb in seinem Namen auch offiziell vertreten
kann - und jetzt hat er jemanden, der alle Voraussetzungen mit sich
bringt" und dann weiter, "daß ihm sehr daran gelegen wäre,
wenn auch ich diesen Mann akzeptieren und mit ihm zusammen arbeiten
könnte". "Denn, wissen sie - es ist jemand, den sie
kennen. Ein ehemaliger Kommilitone, Wiktor Kniaziew". "Ach,
ja" sagte ich, "natürlich kenne ich ihn ...und sehe keine
Probleme für eine effektive Zusammenarbeit". Er war erfreut und
überraschte mich jetzt wirklich, als er die Sekretärin bat, den
Wiktor zu holen, welcher in einem anderen Zimmer dieses
Einführungsgespräch abgewartet hat. Wiktor war ein kluger Kopf und
erfüllte alle Voraussetzungen (auch die formalen), für diesen
Posten.
Seit jener Zeit hatte ich einen neuen, direkten
Vorgesetzten, welcher mir im Laufe der Jahre einige Überraschungen
bescherte. Wir verstanden uns gut und die Zusammenarbeit verlief in
geregelten Bahnen. Daraus resultierte auch die Mehrzahl meiner
dienstlichen Auslandsaufenthalte, ein bisher unbekanntes Kapitel in
meiner Laufbahn. Näheres darüber
kann man hier erfahren.
Bis zu jener Zeit (Anfang der
70er Jahre) beschränkten sich meine Auslandsaufenthalte auf Ferien
in Ungarn und private Ausflüge in die DDR. Ach ja, zweimal war da
auch ein Kurzurlaub in Westberlin drin. Das war aber schon alles.
Aber jetzt sollte sich das ändern.
Da kamen fast am laufenden
Band - jedenfalls könnte man es so im Verhältnis zu meinen
bisherigen Auslandsaufenthalten sehen - Auslandsreisen auf mich zu,
auch eine Konsequenz meines zufriedenstellenden Verhältnisses mit
Wiktor, meinem Vorgesetzten. Zwei bis dreimal jährlich hieß es
dann: Köfferchen packen! Und es blieben immer unterhaltsame und
lehrreiche Episoden.
Meine "normalen" Pflichten
beruhten jetzt praktisch nur auf der Koordination der Arbeiten bei
der Serie von Dialysegräten und anderen speziellen Aufgaben meiner
Direktoren. Beides war zum großen Teil mit Reisen verbunden. Damals
unternahm ich die gern mit dem Auto, bis 1977 mit dem Trabi (Trabant
601), später dem komfortableren Fiat (Polski Fiat 125). Nun in
Wirklichkeit, vor allem im Verhältnis zu den heute üblichen
Standard, war er so komfortabel nicht. Seine Störanfälligkeit war
enorm, sogar im Verhältnis zum Trabant. Denn der hat mich niemals im
Stich gelassen.
Der Fiat, die Errungenschaft meiner Besuchsreise
in die Bundesrepublik im Jahre 1977, war ein sogenanntes
Exportmodell, also per Definition die bessere Ausführung. Was ich im
nachhinein leider nicht bestätigen konnte. Schon beim Empfang des
Wagens (ich durfte mir einen aussuchen!) stellte ich unter der
Motorhaube rote Flecken fest, gut sichtbar auf dem weißen
Untergrund. Na gut, das war ein kleiner Fehler, denn ein paar Jahre
sollte der Wagen trotzdem halten. Im ersten Jahr mußte ich nur die
Lichtmaschine tauschen, aber das war ein Garantiefall.
Dafür
ging es im zweiten Jahr los: der Auspuff brach kurz vor dem
Schalldämpfer, gerade als ich in Warschau war. Meine
Gesprächspartnerin im Ministerium versprach Abhilfe: Sie kenne den
Meister einer guten Werkstatt, wo man mir das auf ihr Wort bestimmt
direkt repariert. Sie erledigte sich eine freie Stunde und wir
schlichen mit dem Wagen durch die Straßen um nicht allzusehr
aufzufallen. Denn er machte einen satten Lärm. Die Werkstatt erwies
sich als ein Hinterhofbetrieb und anstatt Hebebühne gab es eine aus
Eisenbahnschwellen gezimmerte Rampe, schwindelnd hoch. So hoch, daß
man unter dem Wagen stehen konnte. Und der Meister machte sich wie
selbstverständlich an die Arbeit: Mit dem Schweißgerät und zwei
Gasflaschen kam er zum Wagen und begann die Schweißarbeit. Ich
konnte ihn nur noch fragen: "Ob er weiß, daß das Ding direkt
daneben der Benzintank ist?" Als er ja sagte, verschwand ich um
die nächste Ecke. Aber irgendwie hat er es doch geschafft und für
ein paar hundert Kilometer war der Wagen wieder betriebsbereit.
Dann
habe ich mich direkt um einen Ersatzauspuff gekümmert. Es gab
natürlich fast keine Originalersatzteile, so kaufte ich einen
Nachbau der genau ein Jahr hielt. Nun, aber ich hatte dann schon den
Dreh raus, und der zweite Austausch verlief problemlos. In der
Zwischenzeit, aber schon bei 20.000 km hatte ich mit dem Motor
Probleme. Einwandfrei lief er eigentlich nur in der Nähe der
Leerlaufdrehzahl. Dann stotterte er und entwickelte keine Leistung.
Die Diagnose war schnell gestellt: der Vergaser. Also ausgebaut und
Fehlersuche. Nichts zu finden. Aber nach dem Einbau lief der Wagen
wieder normal. Bis zur nächsten nächtlichen Heimkehr. Aber am
Morgen war wieder alles in Ordnung. Später wieder nicht. Ich wollte
verzweifeln. So baute ich den Vergaser, der nach den vorangegangenen
Untersuchungen schön sauber war, nochmals aus und nahm ihn nach
Haus. Auf einem weißen Karton fing ich an den Vergaser zu zerlegen.
Und siehe da, als ich die zweite Düse herausschraubte, sah ich an
ihrem kalibrierten Eingang ein kleines, durchsichtiges Kügelchen -
ein Sandkorn wie es sich gleich herausstellen sollte. Als Erklärung
für seine Herkunft blieb nur die Montage des Vergasers im Werk, denn
ein anderer Weg war durch feinmaschige Filter verstellt. Ich wiederum
habe mich für den Vergaser erst nach dem Auftreten der Störungen
interessiert. Dieses Körnchen wanderte also im Vergaser zwischen
Filter und Düsen und nur zufälligerweise klebte es sich, hin und
wieder, an dieser einen Düse fest.
Irgendwann fingen die Bremsen
zu quietschen an und ich mußte die Bremsklötze wechseln. Gut, daß
ich die Ersatzteile bekam. Dann war die Kupplung fällig: Scheibe
verbraucht, nach nicht mal 30.000 km. Das mußte ich in der Werkstatt
machen lassen. Eine andere Macke der hydraulisch betätigten Kupplung
war die Rückholfeder des Zylinders. Es war eine aus Runddraht
gewickelte Zugfeder, direkt unter dem Kupplungspedal, aber unter dem
Wagen zugänglich. Die brach in regelmäßigen Abständen, jede vier-
oder fünftausend Kilometer. Nach dem zweiten Bruch kaufte ich direkt
drei Stück (o Glück, es gab sie, doch sie kosteten Geld!), aber
auch die gingen bald dem Ende entgegen. So "besorgte" ich
mir zwei Meter Stahldraht und bat einen befreundeten Dreher um
Anfertigung von 10 Stück dieser Federn. Und komisch, diese hielten
sogar länger! Das Zeremoniell des Austausches hatte ich schon so
perfektioniert, daß ich mich sogar an einem neblig-feuchtem Morgen,
auf dem Weg zu einer Konferenz in Lodz, im weißen Hemd unter den
Wagen traute, um mit der Kombizange die neue Feder einzufädeln. Denn
die Fahrt ohne Kupplung war doch zu stressig. Eine Decke für diese
Zwecke führte ich schon immer griffbereit im Kofferraum mit. Nach
der Operation mußte ich nur noch eine mildherzige Person finden,
welche mich in ihr Haus ließ, damit ich die Hände sauber bekam um
dann pünktlich meine Sprüche auf der Konferenz hersagen zu können.
So hatte ich mit dem, im Verhältnis zum Trabi mehr als doppelt
so teurem Wagen auch doppelt so viele Ärgernisse. Deswegen erinnerte
ich mich bei solchen Gelegenheiten mit Wehmut an meine Trabis, mit
welchen ich niemals auf der Strecke liegen blieb. Obwohl ich mit
ihnen mehr als 140.000 km gefahren bin, mehr als dreimal so viel wie
mit dem Fiat. Und meine Frau bestärkte mich in dieser Auffassung:
"Im Trabi konnte ich so wundervoll schlafen und hier gibt es
keine Kopfstütze mit Ohren und mich tut von den Sitzen der ganzer
Körper weh".
Warum ich hier so viel von meinen Wagen
erzähle? Das Auto wurde in Hindenburg, der vielen Reisen wegen, zu
meinem unentbehrlichsten Werkzeug. Sogar die weiten Fahrten, z.B.
nach Warschau, konnte ich für mich bequemer - aber vor allem mit
größerer Wahrscheinlichkeit einer pünktlichen Ankunft - mit dem
Wagen gestalten. Natürlich waren die Fahrten, größtenteils über
Landstraßen, mit verhältnismäßig vielen "Abwechslungen"
verbunden. Ich erinnere mich an eine Rutschpartie. Es war unter Null,
die Straße teilweise nur mit festgefahrenem Schnee bedeckt als ich
mit mäßiger Geschwindigkeit, in ein Dorf einfuhr. Da bemerkte ich,
daß die Straße nicht nur ersichtlich bergab in dieses Dorf führte,
aber auch (obwohl kurvenfrei) leicht nach links geneigt war und der
Wagen auf einer Strecke von 50 - 100 Metern anfing kontinuierlich
nach links zu driften. Delikate Korrekturversuche mit dem Lenkrad
beeindruckten den Wagen kaum, aber ein leichtes Tasten mit dem
Bremspedal verursachte doch eine Geschwindigkeitsreduzierung so, daß
der Wagen am linken Straßenrand, dort wo die Straßenoberfläche
rauher wurde, jedoch noch vor dem Graben, zum Stehen kam. Mir war es
während der paar Sekunden ziemlich warm geworden. Gut, daß der
Verkehr jener Jahre, vor allem in der Morgenzeit noch ziemlich
dürftig war und mir niemand die linke Straßenseite streitig machte.
Gegen Ende der siebziger Jahre bestand die Straße nach Warschau
schon in großen Stücken aus zwei Fahrbahnen. Dort fuhr es sich für
die damaligen Verhältnisse ziemlich bequem. Leider gab es da viele
ebenerdige Kreuzungen mit anderen Straßen und noch schlimmer, mit
fast Feldwegen. Natürlich gab es überall Stopschilder für die
Querstraßen, trotzdem mußte man nicht einmal voll auf die Bremse
steigen, wenn im Scheinwerferlicht ein Fuhrwerk mit womöglich
angesäuseltem Fuhrmann auftauchte, welches gemächlich die Straße
querte. Oder eine Oma, welche etwas verspätet ihre Kuh von der Weide
nach Hause zerrte. Da die Bebauungsweise in Polen vielerorts von der
bei uns üblichen Konzentrierung in Dörfern abweicht und man
manchmal kilometerweit zwischen zerstreuten Gehöften fährt, blieben
einem die Gefährdungen über lange Strecken erhalten.
Ich
erinnere mich an eine Fahrt nach Warschau. Früh am Morgen ging es
los, mit unseren Direktoren und meiner Wenigkeit im Dienstwagen.
Hinter dem Steuer, der den Wagen (einen Wolga) betreuende Fahrer.
Nachdem wir aus dem Industriegebiet herausgekommen waren und uns auf
einer breiten Straße befanden wurde es im Wagen ruhig und meine
Direktoren machten ein Nickerchen. Womöglich wollte der Fahrer es
ihnen gleichtun, denn plötzlich bemerkte ich, daß der Wagen sich
kontinuierlich nach links bewegte. Als ich mich von meinem Sitz,
rechts hinten nach vorn beugte sah ich, daß er die Augen geschlossen
hatte! Wir überquerten gerade die Mittellinie als ich ihn an der
Schulter berührte und ansprach. Er war sofort da, machte aber eine
etwas hektische Lenkkorrektur, welche den Direktor auf dem Vordersitz
aus dem Schlummer erweckte: "Was ist los?" war seine etwas
verschlafene Frage. "Nichts, ein Schlagloch" war die
geistesgegenwärtige Antwort des Fahrers...
Das Ende meines
Wirkens in Hindenburg kam mit unserem (Lenis und meinem) Entschluß,
es noch einmal zu versuchen, all den Unerquicklichkeiten unseres
Lebens in der Heimat aus dem Wege zu gehen und einen neuen Antrag auf
die Ausreise nach Deutschland zu machen. Diesen Entschluß
erleichterten meine Erfahrungen aus dem vor kurzem absolvierten
Besuch in Deutschland. Den direkten Grund aber bildeten die
immerwährende Aufregung um die Realisierung unseres
Dialyseprojektes, so die Absage eines zum Druck bestimmten Artikels
über diese Probleme in Polen und sich bemerkbar machende
gesundheitliche Schwierigkeiten. So ließen wir uns von meiner
Mutter, welche schon in Deutschland war, die notwendigen Unterlagen
zuschicken, füllten den obligatorischen Fragebogen aus und zusammen
mit einer Begründung unseres Beschlusses hinterlegten wir das alles
- mit entsprechendem Zeit- und Nervenaufwand - in der für
Paßangelegenheiten zuständigen Behörde der Kattowitzer Miliz.
Dann warteten wir geduldig, denn das war eine Grundvoraussetzung
bei Paßangelegenheiten, auf eine Reaktion der Behörde. Die kam
vergleichsweise und überraschend schnell, doch von unerwarteter
Seite. Wiktor mein Vorgesetzter bat mich zu einem Gespräch: "Du
willst also ausreisen? Warum hast Du mir nichts gesagt?" Eine
müßige Frage, denn so etwas hing man damals nicht an die große
Glocke. Trotzdem blieb sein Verhältnis zu mir neutral, wir konnten
uns sogar auf eine gemeinsame Vorgehensweise einigen. "Solange
Du hier bist, sind Deine Chancen gleich Null. Du weißt, das ist ein
Vorzeigebetrieb und es gibt hier Betriebsgeheimnisse, die nicht in
den Westen gelangen sollten". Hmm, dachte ich und schaute auf
ihn. Er nickte, denn wir beide wußten, daß eher eine umgekehrte
Prozedur in Frage kam. "Also, wenn ich diese Anfrage für Dich
positiv beantworten soll, darfst Du kein Mitarbeiter dieses Betriebes
mehr sein, Punkt". Da ich aber nicht entlassen werden wollte
(klingt doch irgendwie ehrenrührig), vereinbarte ich mit ihm, daß
der Betrieb mir den Vorwand für eine Kündigung meinerseits liefert.
So bekam ich am nächsten Tag ein Schreiben, in dem mir mein
Anstellungsverhältnis im bisherigen Umfang aufgekündigt wurde. Für
mich ein Grund für eine Nichtannahme des neuen Arbeitsverhältnisses
und die ganzheitliche Kündigung. Die nächsten zwei oder drei Wochen
regelte ich dann meine offenen Angelegenheiten so gut es ging und
verabschiedete mich von meinen Mitarbeitern bei einer kleinen Feier
in einer privaten Wohnung. Einen Teil der damals erhaltenen Geschenke
habe ich noch heute. In der Zwischenzeit mußte ich mich natürlich
auch nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen - aber das ist dann schon
die letzte Geschichte über mein Arbeitsleben in Polen.
Also war ich diesmal dran mir selbst eine neue Arbeitsstelle
zu finden. Denn von irgendetwas mußte man ja leben.
In der
Volksrepublik gab es so etwas wie Arbeitslosigkeit nicht. Trotzdem
war ich in einer schwierigen Situation, denn alle Großbetriebe oder
Institute konnten sich einen Ausreisewilligen nicht leisten. Denn
deswegen doch habe ich meinen ansonsten angenehmen Posten in
Hindenburg aufgegeben. Und auch die mühsamen 17 Jahre meines älteren
Bruders Hubert, in denen er sich um die Ausreise bemüht hatte,
standen vor meinen Augen. Acht- oder zehnmal war er in meiner
Situation: alte Stelle nach jedem Antrag auf Ausreise futsch, eine
neue war zu finden.
So gab es für mich kein Überlegen als
mir Andrzej Bard, mein Freund noch aus der Studienzeit, einen
Vorschlag machte. Er hätte mit seinem Bekannten, dem Präses einer
Produktionsgenossenschaft für Invaliden, gesprochen. Wir könnten
ihm einen Besuch abstatten ...
Es ging flott, noch war mein
Angestelltenverhältnis in Hindenburg nicht zu Ende, nahm ich mir
paar freie Stunden und holte Andrzej von seiner Arbeitsstelle ab.
Gemeinsam suchten wir meinen späteren Arbeitsplatz, eine im
Industriegebiet an der Tosterstraße in Gleiwitz gelegene, kleine
Spielzeugfabrik auf. Der gute Mann, gleichzeitig Chef der ganzen
Produktionsgenossenschaft hatte keine Bedenken ob meines
Ausreisewillens. Vielmehr war ihm an frischem Gedankengut für die
Fabrik gelegen. Weil doch die Verdienstmöglichkeiten in diesem
Betrieb sehr moderat waren, fehlte es an qualifizierten Mitarbeitern,
besonders im technischen Bereich. Und nicht nur in den oberen Etagen,
denn die Verdienststruktur, der Stundenlohn, für verschiedene
handwerkliche Berufe war natürlich - wie könnte es in einer
Planwirtschaft anders sein - zentral geregelt und sah je nach
Wichtigkeit des Betriebes fünf oder sechs Ablohnungen vor. Dieser
Betrieb gehörte natürlich zu den unwichtigsten und so wurden hier
Löhne gezahlt, welche ungefähr 30 - 50% unter denen einer Hütte
lagen.
So ging auch der Präses, nach einem sehr kurzen Gespräch
über meine bisherigen Tätigkeiten, sofort zum Thema
Verdienstmöglichkeiten in diesem Betrieb über. Es könnten nur 4500
zl sein, und ich wäre dann als Hauptspezialist für Technologie
(bedeutete in diesem Betrieb alles was etwas mit der Technik zu tun
hatte) tätig und hätte viele Freiräume für kreatives Walten.
Obwohl der Verdienst gerade mal 35% meines bisherigen erreichte, nahm
ich dieses Angebot dankend an. Es sollte ja nur eine vorübergehende
Lösung sein, von dieser doch so wackeligen Hypothese ging ich in
jenem Moment aus.
Damals wußte ich nicht, daß es trotzdem
Wirklichkeit werden sollte, aber der Glaube war halt stark genug um
dieses Experiment zu wagen. Auch wußte ich nicht, daß die ersten
Monate meiner Anstellung in der Bundesrepublik komischerweise wieder
genau mit diesem Gehalt beginnen sollten, aber diesmal in DM. (Der
D-Mark, welche damals in Polen 45 zl kostete).
Der Präses selbst
hat wohl seine Entscheidung niemals bereut. Konnte ich ihm doch schon
in den ersten Tagen seinen Taschenrechner, welcher damals noch viel
Geld kostete, reparieren und mein Erscheinungsbild als praktischer
Elektroniker festigen. Aber wahrscheinlich war er schon früher davon
überzeugt gewesen, denn sonst hätte er mir das teure Ding womöglich
nicht anvertraut.
So war ich im Frühjahr 1979 Mitarbeiter
eines Betriebes, in welchem weder Fortschritt noch Qualität
großgeschrieben wurden, Spielzeuge auf damaligem Niveau eben. Ich
brauchte einige Tage um mich da einzuleben und die andern 3 Personen
in meinem jetzigen Arbeitszimmer kennenzulernen. Einer davon nannte
sich Technologe und war mit den Produktionsabläufen im Betrieb
vertraut. Mit ihm schlenderte ich durch die Halle und Nebenräume und
sah auf Schritt und Tritt Gegebenheiten, welche nach Verbesserung
riefen. Sogar im Bereich der Sicherheit. Der Großteil der dort
Beschäftigten waren Behinderte, davon ein Teil wohl auch geistig.
So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich auch den ersten Unfall
miterlebte. Eine Frau konnte die eigentlich auf zweihändige
Bedienung ausgelegte Stanze so manipulieren, daß diese den
Arbeitshub ausführte, während der Mittelfinger noch im
Gefahrenbereich war. Ein zerschmetterter Finger war die Folge. Ein
Notarzt war nicht zu erreichen und so fuhr ich diese Frau mit einem
provisorischem Verband der Hand, ziemlich aufgeregt ins Krankenhaus.
Notaufnahme. Aber hier lief plötzlich alles in Zeitlupe. Wir kamen
an, ich setzte die Frau ab und versuchte den Arzt zu mobilisieren.
Aber davor war eine Krankenschwester: "Ist die Kranke bei
Bewußtsein?" "Ja" sagte ich und bekam den prompten
Bescheid: "Dann warten sie bitte". Und dann gingen dort
verschiedene Leute ein und aus, während wir warteten. Ich war
besorgt, wegen dem Blutverlust und den Schmerzen und beschwerte mich
beim erreichbaren Personal: "Das ist ein Arbeitsunfall, eine
Frau!" "Wir haben es hier nicht mit solchen Unfällen zu
tun" wurde mir zuteil.
Doch nach 15 oder 20 Minuten klappte
es doch. Meine Patientin wurde hineingeholt und kam nach zwanzig
Minuten wieder heraus, bandagiert und mit der Nachricht, daß das
letzte Glied des Fingers ab ist. Ich wollte sie nach Hause fahren,
aber sie wollte zurück in die Arbeit, weil doch dort ihre Sachen
waren. So endete für mich der aufregendste Tag in diesem Betrieb
wieder am Schreibtisch.
Denn hier versuchte ich all das zu
realisieren was mir anbefohlen wurde oder ich aus eigenem Antrieb
noch machen wollte.
So bei einem Versagen der einzigen
Spritzgußmaschine. Sie war natürlich ein älteres Stück und hatte
ihre Macken. Der Plan war wieder einmal in Gefahr und vom Hersteller,
einer Maschinenfabrik in Zywiec war in absehbarer Zeit keine Hilfe zu
erwarten. Der Präses war ratlos und in dieser Situation kam ich ihm
wohl wie ein Rettungsengel vor, als ich so nebenbei sagte, daß mein
Freund dort den Direktor spielt. "Versuchen sie es doch"
bat er und ich tat es. Mit Tadek gesprochen und am übernächsten Tag
hatten wir den Wartungsdienst mit den notwendigen Ersatzteilen im
Haus! Ein voller Erfolg also.
Dann war noch die wichtigste,
langfristige Aufgabe, welche ich erledigen sollte: Eine
Haussprechanlage. Der Betrieb hatte sich ein Projekt dafür erstellen
lassen, auf dem damals üblichen Weg. Denn jeder Betrieb hatte einen
Fonds für durch Privatpersonen zu realisierende Aufträge. Für
diese Personen war es ein Zusatzverdienst (auch ich hatte in der
Vergangenheit davon profitiert) und für den Betrieb die einzige
gängige Methode zur Realisierung bestimmter Vorhaben. In diesem
Falle hätte sich kein Institut oder Projektierungsbüro solch eines
Auftrages angenommen, vielleicht im Idealfall in den Plan gestellt.
Jedenfalls war jetzt im Betrieb ein Schaltplan vorhanden, aber
nur dieser. Mir fiel die vornehme Aufgabe zu, dieses Projekt
produktionsreif zu machen. Da man hier im Betrieb keinerlei Erfahrung
mit elektronischem Gerät hatte, durfte ich von Null anfangen. Mit
Werkzeugen, Geräten, Material und der Einführung von Mitarbeitern,
welche sich später damit befassen sollten. Hier möchte ich nicht
auf Einzelheiten eingehen, sondern zur Illustration die
Beschaffungsschwierigkeiten für jegliches Material vor Augen führen.
Ein normaler Einkauf der simpelsten Widerstände für dieses Projekt
sollte ein Jahr dauern, denn unsere Bedürfnisse waren doch nicht
eingeplant, also aus der normalen Produktion nicht zu decken...
Nun,
im Betrieb hatten wir einen Einkäufer, für welchen solche
Angelegenheiten zum täglichen Brot gehörten. Er hatte da schon
seine Methoden erarbeitet, um die nötigen Materialien immer zu
beschaffen. Jeweils, wenn es eng wurde und der Produktion der
Stillstand drohte, nahm er einen Dienstreiseauftrag für eine
Polenrundfahrt und eine entsprechende Menge unserer Spielwaren in den
Kofferraum. Schön verpackten Spielwaren, denn wir hatten doch unsere
eigene Druckerei. So machte er auch Station bei OMIG, der einzigen in
Polen Produktionsstätte für Widerstände. Und fand dort Menschen,
welche in ihrer Familie Kinder hatten und Spielzeuge gebrauchen
konnten. So bekam er auch, ganz inoffiziell natürlich, eine halbe
Aktentasche der verschiedensten Widerstände als Schüttgut,
unsortiert und teilweise noch ohne Aufdruck. Er war zufrieden, ich
weniger. Was sollte ich mit ein paar tausend Widerständen, brauchte
ich doch für den Prototypen gerade mal 15 Stück? Natürlich mit
entsprechenden Nennwerten. Aber auch hier fand sich ein Ausweg: Waren
doch im Betrieb immer einige Lehrlinge, welche hier eingespannt
werden konnten und die dann in zwei Wochen alle Widerstände
durchsortiert hatten!
Ähnlich schwierig, aber noch langwieriger
gestaltete sich die Sache mit den restlichen Komponenten. So auch das
Gehäuse. Wir hatten eins entworfen, nur mußte jemand die
Spritzgußform dafür anfertigen. Draußen, denn uns fehlten die
Maschinen. Das wurde zur unendlichen Geschichte, jedenfalls für
mich. Als ich den Betrieb nach einem knappen Jahr verließ, war sie
noch immer nicht fertig.
Die Produktionspalette des Betriebes
war ziemlich umfangreich, leider war der größte Teil davon ziemlich
primitives Spielzeug und wegen eher minderwertigen Rohstoffen auch
qualitativ nur sehr durchschnittlich: buntes Blechspielzeug, Kreisel,
Schießgewehre mit fliegendem Korken und ähnliches. Eine kleine
Wende bahnte sich während meiner Anwesenheit in der Lackierung an,
denn elektrostatisches Lackieren mit hochwertigeren Lacken
verbesserte die Oberflächenqualität deutlich.
Auch ich wollte
zur Verbesserung der Produktpalette mein Scherflein beitragen und
arbeitete an einem elektronischen Baukasten, dessen einzelne Elemente
durch bloßes Zusammenstellen zu einer funktionierenden Schaltung
führen sollten. Die für diesen Baukasten benötigten
Kunststoffteile, besser die Form dafür, hatten wir im Hause mit
primitiven Maschinen und einem umsichtigen Werkzeugmacher erstellen
und danach die ersten Elemente anfertigen können. Es sah sehr gut
aus, aber dann verließ ich den Betrieb zu früh ...
Noch
etwas, fast Kurioses, hätte ich zu berichten. Zu dieser
Produktionsgenossenschaft gehörte auch, ich sagte es schon, eine
Druckerei welche teilweise noch mit ganz archaischen Mitteln
arbeitete. Also Visitenkarten, Gebrauchsanweisungen und ähnlichen
Krimskrams druckte. Irgendwann sollte ich bei einem Stadtgang auch
die Anfertigung von einigen paar hundert Materialausgabescheinen für
unser Magazin veranlassen. Mit hatte ich ein Muster und die
schriftliche Bestellung. Doch in der Druckerei erfuhr ich, daß da
noch ein Stempel fehlte: die Erlaubnis des Amtes zur Kontrolle der
Presse, der Druckerzeugnisse und öffentlicher Darbietungen! Da
niemand in der Druckerei Zeit dafür hatte, machte ich mich noch auf
den Weg zum Amt, auf der Unterwallstraße, gegenüber dem Museum. Den
Stempel für dieses unverfängliche Papier bekam ich zwar
anstandslos, aber diese Zeremonie erweckte in mir die Erinnerung an
die vielen Maßnahmen der Volksrepublik, welche jeder Art
unkontrollierter Erstellung von Druckerzeugnissen unhold war.
Deswegen die strenge Kontrolle der verbrauchten Matrizen für die
altertümlichen Vervielfältigungsmaschinen in den 40ger Jahren, der
reglementierte Zugang zu den Schreibmaschinen in Betrieben und deren
Wegschließung für die Nacht und und ähnlichen
"Sicherheitsmaßnahmen" in anderen Bereichen. - Heute
hätten es die Machthaber deutlich schwieriger gehabt ...
Und
dann kam der Tag, an dem ich früh morgens dem Präses die für mich
größte Neuigkeit, die Ausreisegenehmigung, verkünden und ihn um
meine Entlassung bitten konnte. Es gab keinerlei Probleme, ich sollte
nur meine offenen Angelegenheiten weiterreichen und dann den fälligen
Urlaub nachholen. Am nächsten oder übernächsten Tag war ich frei,
mein Berufsleben in Polen beendet und ich konnte mich eigenen, neuen
Problemen widmen.
Geschrieben im Jahre 2006